Mittwoch, 22. Februar 2017

Unter uns gesagt

„Sag mal, Johanna, hast du auch manchmal das Gefühl, dass du beobachtet wirst?“, fragt Margret und sieht sich um.
„Beobachtet? Von wem denn?“
„Ja, wenn ich das wüsste, ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht allein bin“, Margret.
„Wie, nicht allein? In deiner Wohnung? Das kann doch nicht sein, so groß sind unsere Wohnungen doch nicht.“ Johanna sieht deutlich verwirrt aus.
„Nicht nur, auch vor dem Aufzug. Ich dreh‘ mich vorsichtig um, aber nichts zu sehen. Trotzdem so ein blödes Gefühl.“ Margret.
Johanna betrachtet Margret, eine Nachbarin, mit der sie sehr vertraut ist, skeptisch:
„Ich wohne doch auf dem gleichen Flur wie du, ich bemerke nichts davon.“ Auch bei näherer Betrachtung findet sie, dass Margret ganz wie immer aussieht. Nicht verwirrt oder sonst wie anders.
„Du denkst wohl, ich spinne“, fragt Margret jetzt ängstlich. Bereut wohl schon, dass sie davon angefangen hat.
„Nein, nein, was denkst du denn, irgendwas muss dich ja stören. Lass uns doch gleich gemeinsam rauffahren, dann kann ich darauf achten, ob mir was auffällt.“
Das findet Margret nett von Johanna und so gehen sie schweigend den Gang entlang vom Speiseraum zu den Aufzügen. Sie sprechen nicht mehr miteinander, damit sie aufmerksamer auf ihre Umgebung achten können. Nichts.
Im Aufzug dann:
„Und, Johanna, spürst du es auch?“
„Was denn?“
„Als wäre außer uns beiden noch eine dritte Person hier drin, natürlich unsichtbar.“
Johanna spürt nichts. Wie unsensibel. Vielleich liegt es an ihr, dabei ist doch eigentlich Margret die Handfeste, die Praktische. Im Aufzug ist nichts Ungewöhnliches, das einzig Technische ist die Lüftung. Und natürlich die Bedienungsknöpfe. Und das Mikrofon, verbunden mit einem Lautsprecher, falls mal was passiert im Aufzug.
Sie steigen auf der dritten Etage aus und gehen gemeinsam den Flur entlang.
„Ich bringe dich noch zu deiner Tür, Margret“, sagt Johanna und sie gehen zusammen bis zum Ende des Flurs. Margrets Wohnung ist die letzte. Das Haus hat eine gestaffelte Fassade, so dass auch Wohnungen und Flure gestaffelt sind. Hinter jeder Ecke könnte jemand stehen, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Man könnte ihn oder sie erst im letzten Moment sehen. Arme Margret. Diese Lage am Ende scheint sie einzuschüchtern. Margret schließt auf:
„Tschüss Johanna, und danke.“


Nachmittags um drei das wöchentliche Kaffeestündchen. Reihum in den Wohnungen, das Zusammensein in der Halle ist doch etwas zu öffentlich. Hat jemand etwas Neues? Erst einmal nicht, also small talk.
Dann rafft sich Margret zu einem Geständnis auch den andern gegenüber auf:
„Ich hab es heute Mittag schon Johanna erzählt: Ich fühle mich beobachtet.“
Wie aus einem Mund: „Von wem?“
Johanna übernimmt die Antwort:
„Sie kann nichts Konkretes sagen, es ist so ein Gefühl. Ihr kennt das doch auch: Man steht irgendwo, dreht sich um ohne einen Grund und stellt fest, da starrt einen einer an.“
Ja, das kennen alle, können es sich nicht erklären und hatten auch noch nie eine Erklärung dafür gehört oder gelesen.
„Und außerdem lauert ja überall die NSA“, Susanne will es spaßig sehen.
„Das betrifft aber doch nur die mit den Geräten“, meint Johanna ernsthaft und geht auf diese Variante ein. Mit den Geräten meint sie wohl die PCs und Smartphones. „Soviel ich weiß, lehnt ihr dieses Teufelszeug doch ab.“
Sie guckt forschend in die Runde, blickt in betretene Gesichter. Anscheinend hat das Teufelszeug doch Einzug gehalten.
„Es muss ja nicht nur die NSA sein, es gibt Hacker genug, die sich für Informationen interessieren“, meint nun Irmtraud, die den Besitz eines Laptops längst zugegeben hat. Und weiter:
„In den letzten Tagen habe ich des Öfteren erlebt, dass mein Internet Explorer einfach aussetzte, ohne dass ich eine Taste berührt hatte.“
„Das sagen alle“, meint Susanne, „das ist doch nur eine Entschuldigung vor sich selbst, wenn man mal wieder was falsch gemacht hat.“ Sie lacht. Ein bisschen hämisch?
Was Irmtraud erbost: „Von wegen, es ist mir mehrfach passiert. Wie früher eine Unterbrechung am Telefon, wenn sich jemand einschaltete, um mitzuhören.“ Irmtraud hatte einen eifersüchtigen Ehemann gehabt.
„Machst du denn Sachen am PC, die andere interessieren könnten?“ fragt Margret, sie sieht eine Verbündete. Die Gefahr lauert eben überall.
„Ja, ehrlich gesagt, mache ich immer noch Online-Banking, und ich kaufe auch schon mal Sachen …“
„Da bist du ja das ideale Opfer. Die klauen deine Daten und kaufen unter deinem Namen und lassen von deinem Konto abbuchen.“ Margret guckt ganz mitleidig.
„Ich habe keinen Computer und ich habe auch nichts zu verbergen“, brüstet sich jetzt Johanna.
„Und was ist mit dem Smartphone, das du dir kürzlich angeschafft hast?“, fragt Susanne, die immer alles weiß. Woher eigentlich?
„Smartphones sollen ja noch viel anfälliger fürs Abhören sein. Dazu habe ich kürzlich einen Bericht im Fernsehen gesehen. Ich glaube, man hackt sich über W-LAN ein und kann mithören, was im Raum gesprochen wird.“ Irmtraud ist wie immer gut informiert und möchte von ihren Gefährdungen ablenken, man soll sie schließlich nicht für blöd halten.
Banges Schweigen.
„Ist das wahr?“, Margret, ein wenig aufgeregt. Hatte auch sie heimlich ein solches Teil gekauft? „Sag mal, Susanne, du hast doch einen guten Bekannten in der IT-Branche, der könnte doch sicher was zu den Aussetzern von Irmtraud sagen.“ Margret.
„Aber“, sagt Irmtraud, die gern die Gesprächsführung hat, „wir sind ganz von Margrets Gefühl des Beobachtetwerdens abgekommen.“
Niemand meldet sich mit einem ähnlichen Gefühl, nur Susanne fragt Margret ganz süffisant: „Du hast wohl was zu verbergen und ein schlechtes Gewissen.?“ Was zu einem peinlichen Schweigen führt.
Johanna, die seit heute Vormittag über Margrets Problem nachgedacht hat:
„Es ist doch nie geklärt worden, was es mit dem Elektrosmog auf sich hat, vielleicht entwickeln sich da Felder, die sensible Personen wahrnehmen können?“
„Und wie ist das mit den Erdstrahlen? Dafür empfängliche Menschen berichten darüber“, Irmtraud.
Es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion, man hatte mehr oder weniger oft an esoterischen oder esoterisch angehauchten Seminaren teilgenommen; man war geschult im Wahrnehmen außersinnlicher Phänomene. Gut, es hatte nicht immer geklappt, aber man hatte Berichte gehört … Schön, dass Margret von ihren Empfindungen erzählt hat. So kann man endlich wieder von den Erfahrungen erzählen, die man selbst gemacht hat.

„Früher gab es doch Fragebögen, mit denen die Geschäftsführung abfragte, wie es uns geht und wie uns das Leben hier im Haus gefällt. Wollen die das nicht mehr wissen oder erfahren die das jetzt auf andere Weise?“ Ein neuer Verdacht, geäußert von Susanne, die eine lebhafte Fantasie hat und die Ergebnisse gern mitteilt.
„Abhören?`“
„Belauschen, was in den Aufzügen gesprochen wird?“
„Über die Smartphones?“
„Zumindest das, was in der Halle geäußert wird, bekommen die mit.“
„Und auch, was man sich im Großen Salon erzählt.“
„Und beim Kaffeetrinken in der Cafeteria.“
„Im Speisesaal beim Mittagstisch.“
„Ja, stimmt, da hängen doch überall solche Geräte.“
„Sind das Kameras?“
„Oder Mikrofone?“
Irmtraud lacht schallend: „Lautsprecher!“
Das müssen sie zugeben, Durchsagen zu Veranstaltungen im Haus hört man aus diesen unförmigen Geräten.
„Aber wo was rauskommt, kann auch was reingehen“, meint Margret und macht eine Schnute. Sie hatte die Diskussion angefangen und will sie auch am Laufen halten. „Denkt doch an die Anlage im Aufzug, sprechen und hören.“ Verdammt, ja, das stimmt.
Susanne ist vollkommen verstummt, seit die Sprache darauf gekommen ist, dass sie einen IT-Spezialisten kennt. Sie ist intelligent genug um zu begreifen, dass sie das verdächtig macht. Bisher war noch keine der Damen darauf gekommen, aber wer weiß?
Johanna hat nachgedacht und meint nun: „Das Einzige, was wir selber tun können, ist doch, die Smartphones auszuschalten.“
„Aber, liebe Johanna, das ist doch der Sinn eines solchen Teils, dass man erreichbar ist.“ Irmtraud.
„Na ja, ich habe immer noch mein Festnetztelefon, damit telefoniere ich und darüber werde ich angerufen.“ Johanna holt ihr Smartphone aus der Tasche, schaltet es aus und legt es entschlossen auf den Tisch: „Du spionierst mich nicht mehr aus!“
Margret tut desgleichen, Irmtraud auch, wenn auch mit Verzögerung. Susanne?
Susanne hat keins, sie ist sparsam. Geizig, hieß es von ihr hinter vorgehaltener Hand. Sie hat noch ein ganz altes Handy, mit dem man telefonieren kann und sonst nix. Auch ein Rat ihres IT-Freundes, die Dinger speichern nicht.
„Und übrigens, ausschalten nützt gar nichts, da müsst ihr schon den Akku raus nehmen“, sagt jetzt Susanne, sachkundig.
Allgemeines Kopfschütteln und die Frage:
„Wieso denn das???“
„Das weiß ich leider auch nicht, mein IT-Freund hat das mal erwähnt,“ rutscht es ihr raus.
„Übrigens, auch die Telekom ist mit im Komplott, ihr Lieben. Über die Vorratsdatenspeicherung brauchen wir uns wohl nicht zu unterhalten, unsere Telefonate und E-Mails sind definitiv langweilig für andere. Aber, ist euch nicht auch schon aufgefallen, dass sich immer dann, wenn man die Wohnung betritt, die Sprach-Box meldet und entgangene Anrufe bekannt gibt? Woher wissen die von der Telekom, dass wir die Wohnung betreten haben“, Margret ist in ihrem Element. Bespitzelung überall.
„Da hast du Recht, Margret, gestern Mittag kam ich vom Arzt, schließe auf und schon ruft die Nummer 08003302424 an. Und drei Stunden später, ich komme vom Einkaufen, das Gleiche. Und das alles nicht zum ersten Mal.“ Susanne.
„Wie kann man das wohl klären?“ Margret.
„Nur an der obersten Stelle. Eine von uns schreibt an den Vorstandvorsitzenden der Telekom und bittet um Erklärung. Ganz höflich natürlich.“ Irmtraud. Und an ihr wird es wohl auch hängen bleiben.

Die vorgesehenen zwei Stunden für den wöchentlichen Austausch sind vorüber. Tief befriedigt vom Austausch und von der Darstellung der eigenen Erfahrungen auf allen möglichen Gebieten geht man nach Hause. Das heißt, man begibt sich auf die entsprechende Etage, mit dem Aufzug. Schweigend.









Samstag, 14. Januar 2017

Lärm

Gerda und Johanna sitzen in der Cafeteria bei ihrem Latte Macchiato und kämpfen offensichtlich beide mit sich, ob sie das äußern sollten, was ihnen durch den Kopf geht.
„Mal vorausgeschickt: Ich wohne sehr gern hier am Haus am Kirchberg …“
„Ja, und was kommt jetzt?“, fragt Johanna und schiebt ihre schlohweißen Haare nach hinten, dabei sitzt ihre Frisur tadellos.
„Findest du nicht auch, dass es manchmal recht ungemütlich ist hier im Haus?“, fährt Gerda fort.
„Meinst du den ständigen Baulärm?“
„Ja, klar. Sie bitten natürlich immer um Verständnis, irgendwie bringt man das ja auch auf …“
„Mir fällt das manchmal verdammt schwer. In der Hauptsache werden wohl die Sanitärräume modernisiert. Sieht man ein, macht aber höllischen Lärm, das Entfernen der alten Fliesenbeläge und was da sonst noch passiert.“ Johanna.
„Ich wohne ja noch in der alten Einrichtung, Stufe an der Duschwanne und völlig glatter Boden, man rutscht auch ohne Seife …“, klagt Gerda und zieht ein schiefes Gesicht.
„Ja, ich auch, ich hab da jetzt was auf den Boden geklebt, damit ich mich nicht immer festhalten muss.“
„Und du bist zufrieden mit der Lösung?“, Gerda.
„Bin ich, ist aber teuer.“
„Das Renovieren ist wahrscheinlich auch teuer. Aber vor allem laut.“ Gerda kommt zur ursprünglichen Klage zurück.
„A propos laut.“ Johanna hat offensichtlich auch etwas auf dem Herzen. „Warst du kürzlich auch bei der Silvesterfeier? Gesehen habe ich dich nicht.“
„Nein, ich war außer Haus, hab dann auch bei Irmgard geschlafen. Du kennst sie doch, die mit dem tollen Schmuck. Ab und zu kommt sie ja mal hierher.“ Gerda hätte gern weiter über Irmgard geredet, merkte aber, dass Johanna gar nicht zuhörte.
Die wollte offensichtlich weiterklagen. „Da hast du nichts verpasst, im Gegenteil, es ist dir was erspart geblieben.“ Sie hielt inne, um die Spannung zu erhöhen.
„Eine Sängerin, etwa in unserem Alter …“
„Donnerwetter, die hatte aber Mut.“ Gerda begann zu ahnen.
„Ja, weit mehr als Stimme, sag ich dir. Ich habe nicht geklatscht. Andere waren höflicher. Aber eigentlich war das nicht das Schlimmste: Das war der Klavierspieler.“
„Ach, der ist doch oft hier, spielt nette Melodien aus unserer Jugendzeit, mir gefällt das“, sagte Gerda ganz erstaunt.
„Der war’s aber nicht. Ein Neuer. Gegen den ist der Baulärm gar nichts. Der Baulärm macht Pausen, der aber nicht. Kaum hatte die Sängerin ihren Vortrag beendet und Platz genommen, ging es wieder los. Jedes Gespräch am Tisch verstummte, nicht vor Begeisterung für das Klavier, sondern notgedrungen. Man verstand seine Nachbarn nicht mehr.“ Gerda entnahm dem Gesichtsausdruck von Johanna, dass es schlimm gewesen sein musste.
„Wie war denn das Essen?“
„Lecker, aber verdammt teuer.“
„Wahrscheinlich mussten sie Überstunden bezahlen, es war ja eine Zusatzleistung. Und das wirkt sich auf den Preis aus.“
„Ja, mag sein. Es war sehr nett gedeckt und wie gesagt, geschmeckt hat’s. Wenn nur der Höllenlärm nicht gewesen wäre.“ Johanna schien noch immer den Klang im Ohr zu haben und schwieg.
Nun blickten beide stumm zum Fenster hinaus. Draußen lag noch ein wenig Schnee. Wenigstens war es im Moment hier in der Cafeteria nicht allzu laut. Sie war nicht so gut besucht wie sonst.
Johanna sah sich um und erstarrte: Ein Mann näherte sich dem Flügel, der hier in der Ecke stand.
„Gerda! Das ist er! Jetzt nichts wie weg.“

Dienstag, 3. Januar 2017

Kaffeekränzchen

Pünktlich um drei saßen sie wieder auf den bequemen Sesseln mit dem üppigen Rosenmuster und nickten sich freundlich zu.
„Geht es dir gut, Johanna?“
„Ja, doch, heute geht es mir gut.“
„Und du, Margret?“
„Bestens, wie immer.“
„Und fragt mich mal,“ sagte Irmtraud.
„Na?“
“Super gut! Mir ist eingefallen, wie wir uns ein bisschen Abwechslung verschaffen können.“
„Und?“, fragte Johanna.
„Tod der Langeweile, Schluss mit unserem biederen Dasein, wir werden mal was Neues versuchen“, sagte Irmtraud.
Niemand sagte nein oder oh je oder fragte: was denn?
Wenn Irmtraud etwas vorschlug, dann hatte es gewöhnlich Hand und Fuß.
„Wo ist eigentlich Susanne?“, fragte Margret.
„Fehlt entschuldigt“, sagte Irmtraud.
Es schien, als wäre Irmtraud die Anführerin dieser Girlgroup. Teure Kleidung, teurer Schmuck, teure Friseur. Nicht diese uniformen Locken vom Hausfriseur. Bob mit Strähnchen auf blondem Grund. Gefärbt? Dafür nahm sie eine Fahrt in die Stadt in Kauf. Wöchentlich.
Johanna, ein paar Jährchen älter, legte nicht mehr so viel Wert auf Äußerlichkeiten. Dafür war sie die mit der „soliden Halbbildung“, eigene Angabe. Was Untertreibung war, denn sie war Bibliothekarin gewesen und weit gereist. In einem früheren, weit zurückliegenden Leben. Auf ihre Haare war sie und konnte sie stolz sein. Weiß, üppig, gut geschnitten.
Margret lag altersmäßig dazwischen, ebenso frisurmäßig, geföhnt aber fieses Grau. Ihre Kleidung war eher sportlich-elegant.
Zu erwähnen wäre noch, dass Irmtraud, ihrem spießigen Namen zum Trotz, Schauspielerin gewesen war. Nicht bis zur Rente, nein, sie hatte irgendwann den Absprung in ein Leben als Gattin geschafft.
„Ihr kennt doch alle den Film ‚Arsen und Spitzenhäubchen, oder?“, ergänzte Irmtraud ihre Ansage.
„Jaaa …“, antwortete Johanna, ganz vorsichtig. Margret nickte.
„Na und, wäre das nichts für uns?“, Irmtraud.
„Mooord?“, Johanna.
„Und dann freuen wir uns auf ein paar Jährchen Knast, bis zum bitteren Ende.“ Woher hatte Margret den Ausdruck „Knast“?
„Aber wir werden uns doch nicht erwischen lassen. Wir planen, führen durch und geben uns gegenseitig ein Alibi“, Irmtraud.
Hatte sie zu viel Fernsehkrimis gesehen oder vielleicht heimlich bei einem mitgespielt?
„Und was hätten wir davon?“, fragte Johanna.
„Jedenfalls etwas weniger Langeweile. Wir können ja erst einmal mit Kleinigkeiten anfangen“, Irmtraud.
„Und was ist das, ein kleiner Mord? So was wie ein bisschen schwanger?“ Johanna, skeptisch wie immer, bemüht witzig.
„Mordversuch.“
„Das muss dann aber hinterrücks passieren, sonst verrät uns das Opfer und alles ist aus“, Margret, die gern praktisch dachte.
„Am besten Gift, das sieht dann vielleicht aus wie Norovirus“, Johanna wurde kühner.
„Wir müssen eben gründlich nachdenken. Vielleicht könnten wir ja auch mit einem kleinen Diebstahl anfangen,“ Irmtraud.
Sie hatte wohl nicht darüber nachgedacht, wie man Leichen verschwinden lassen kann. Große Truhen hatte keine von ihnen mit in ihr Altersdomizil gebracht. Allerdings, bei Noroviruserkrankung wurde die Leiche ganz legal entsorgt. Was für ein hässlicher Gedanke von einer so reizenden Dame.
„Geld? Sachen? Autos geht nicht“, kicherte Margret.
„Vielleicht ein paar von den Rosenstöcken aus dem Garten“, schlug Johanna vor, wieder bescheidener.
„Nein, wir müssen groß denken, sonst macht es keinen Spaß. Das Wichtigste ist doch das Planen.“
Ja, das war richtig, fanden auch Johanna und Margret.
„Also bis morgen um drei, jede mit einem Plan, auch Susanne wird da sein, die weihe ich gleich ein“, Irmtraud nahm das Heft in die Hand.


Tag zwei auf den rosengeblümten Sesseln. Nun mit Irmtraud, Johanna, Margret und Susanne. Heute keine Befindlichkeitsabfrage. Unnötig, alle waren von neuen Ideen belebt.
„Meine Damen, ich hoffe, ihr habt alle nachgedacht, womit wir beginnen könnten“, begann Irmtraud. Heute mit einer brennend roten Jacke bekleidet. Ein Signal.
„Fang du an, Johanna.“
„Was soll ich sagen, ich habe natürlich nachgedacht, den Giftmord möchte ich erst mal zurückstellen, ich möchte mit etwas Harmloseren anfangen.“
„Doch nicht mit dem Rosenklauen?“, lästerte Susanne, offensichtlich von Irmtraud informiert. Sie war die Jüngste in der Runde, früher mal Beamtin, immer schon alleinlebend. Immer noch Blazerträgerin. Ungefärbt blond, fade, entsprechend fade ihre Frisur. Vom Hausfriseur.
Johanna blickte etwas schräg auf Susanne, die Liebe zueinander hielt sich in Grenzen.
„Ich hatte schon an etwas Größeres als Rosen gedacht, vielleicht einen der großen Pflanztöpfe aus der Halle.“
„Und wo willst du den hinstellen, so groß ist deine Wohnung doch gar nicht“, schon wieder Susanne. Sie wusste, wie man jemand kränken kann.
Johanna bewohnte ein Ein-Zimmer-Appartement, allerdings von der größeren Sorte. Susanne hingegen thronte auf der siebten Etage in drei Zimmern. So etwas war nicht zu toppen. Nicht mal Irmtraud konnte da gleichziehen. Zwar auch drei Zimmer, aber im Anbau mit Blick auf die Straße. Niemand, niemand wollte an der Straße wohnen. Der Autoverkehr. Wie es dazu kommen konnte, dass Irmtraud die Wohnung genommen hatte? Witwe, Oberschenkelhalsbruch. Da war Eile geboten. Nun ja, immerhin drei Zimmer.
Woher Susanne das Geld für ihre hohe Miete hatte, war allen ein gern diskutiertes Rätsel. Man verstieg sich sogar zu der Vermutung: Lotto. Susanne war schweigsam, und geizig, daher auch der Hausfriseur.
„Schluss jetzt, mach du weiter, Margret“, Irmtraud.
Margret war das gar nicht recht, die Stimmung war überhaupt nicht positiv. Da konnte sie nicht so frei reden, wie sie wollte.
„Margret, bitte!“
„Ich hatte an etwas im Zusammenhang mit der Bank und mit Geld gedacht“, kam es sehr zögerlich und forderte natürlich gleich Widerspruch heraus.
„Ist etwas vage, liebe Margret“, urteilte Irmtraud und alle nickten. Margret bewohnte übrigens zwei Zimmer, lag also wie bei vielem anderen in der Mitte.
„Wir wollten uns doch die Zeit damit vertreiben, dass wir über alles nachdenken, da muss ich ja wohl nicht am zweiten Tag mit einem voll ausgearbeiteten Plan zur Stelle sein“, reden konnte Margret ja. Kein Wunder, wenn man als Geschäftsfrau seine Waren an den Mann bringen musste, murmelte Susanne.
„Ja gut, jetzt du liebe Susanne“, forderte Irmtraud die dritte im Bunde auf. Susanne fuhr sich mit beiden Händen durch ihren blonden Haarschopf, so sah sie es selbst, holte tief Luft und begann recht großartig:
„Ich denke an Sachbeschädigung.“
„Aller Anfang ist schwer“, lästerte jetzt Johanna.
„Ich werde ein Kuchenpaket mit mindestens sechs Stücken mitten in der Halle fallen lassen. Das gibt einen Aufstand.“
„Hoffentlich hast du eine gute Haftpflichtversicherung“, meinte Margret, die den verhunzten Teppichboden vor sich sah. Alle fragten sich, wieso die geizige Susanne sechs Stücke Kuchen zu Brei machen wollte und alle dachten: Quatsch.
Erst einmal Ruhe und Johanna fragte:
„Und du, liebe Irmtraud? Was dürfen wir von dir erwarten?“
„Ich nehme deine Idee auf, liebe Johanna: Mord.“
Ein starkes Wort. Eine starke Tat. Ein starkes Stück eigentlich, so etwas vorzuschlagen, sie sollten doch sicher alle mitwirken, zumindest als Alibi zur Verfügung stehen.
„Na ja, noch nicht gleich morgen. Wir müssen doch erst ein Opfer aussuchen. Jede hat einen Vorschlag.“
Stille.
Weiterhin Stille.
Margret raffte sich auf: „Nein, das kann ich nicht.“
Irmtraud: „Du sollst es ja auch nicht tun. Ich mache es.“
Johanna: „Aber wir sollen jemanden zum Tode verurteilen.“
Susanne: „Nun nicht gleich so dramatisch, es kann ja auch ein gutes Werk sein.“
Das war bedenkenswert. Wie viele sprachen am Mittagstisch von Sterbehilfe. Erwünschter Sterbehilfe. Wenn man sich da einmal umhörte …
„Nein, nein, das geht nicht, ich kann nicht.“
„Aber man erwischt uns doch nicht, wenn wir es richtig machen.“
„Aber ich weiß es. Ich mache nicht mit. Punkt. Schluss.“ Margret stand auf und sah aus, als wollte sie flüchten. Blieb aber dann doch stehen.
Irmtraud versuchte, sie zum Bleiben zu bewegen:
„Setz dich doch wieder hin, trink erst mal deinen Kaffee aus. Wir müssen ja auch nicht unbedingt mit dem, hm, hm, Schwersten anfangen.“
Streit war das letzte was Margret wollte, sie setzte sich wieder hin und trank tatsächlich den Kaffee aus, kalt geworden, sie merkte es nicht mal.
Aber die Luft war raus, es kam keine weitere Diskussion in Gang.
„Also morgen um drei wieder und einen schönen Tag noch“, endete Irmtraud gänzlich ironiefrei.

Am Tag drei kamen die vier Damen recht zögerlich zu ihrer Sesselrunde.
Susanne starrte Johanna an:
„Und was machst du nun mit den Rosensträuchern?“
Fragende Blicke aus der Runde. Johanna wirkte verdutzt:
„Wie meinst du das, die Idee habe ich doch fallen lassen.“
„Die Idee vielleicht, aber die Rosensträucher sind weg.“
Stille.
„Was sagst du da, Susanne, welche Rosensträucher?“
„Das können wir gleich gemeinsam besichtigen. Das fällt ja nicht auf, wenn ältere Damen Rosensträucher betrachten. In dem Fall allerdings fehlende, also Löcher.“
Ziemlich triumphierend blickte Susanne in die Runde.
Aber die zweite Runde Kaffee kam, ein Stück Kuchen dazu.
„Guten Appetit“, triumphierte Susanne weiter.
„Ich war’s nicht“, sagte Johanna. Kaffeedurst hatte sie plötzlich keinen mehr. Es drängte sie, hinaus zu gehen und zu inspizieren. Gedacht, getan, sie sprang auf und lief vor die Tür. Die anderen blieben sitzen, es wäre zu auffallend gewesen, wenn sie alle vier hinausgestürmt wären.
„Sie sind weg, drei oder vier, mindestens“, Johanna war wieder da, atemlos, wovon war nicht ganz klar. „Aber ich habe sie nicht.“
Mit so etwas hatte man natürlich nicht gerechnet, dass man ihnen ihre Ideen klauen würde. Oder hatte Johanna die Nerven, sie anzulügen? Aber warum, sie hatten doch gemeinsam etwas „unternehmen“ wollen. Da konnte sie doch eigentlich stolz sein, dass es geklappt hatte. Diese Gedanken wurden wohl in drei Hirnen gewälzt. Nur in Johannas Gehirn war es ganz leer. Was nun?
Nach einer längeren Pause ergriff endlich Irmtraud das Wort:
„Wie auch immer, spannend war das jetzt schon und darum ging es uns ja.“
„Gut, also morgen um drei, falls ihr alle könnt.“

Am Tag vier wussten alle schon Bescheid. Frau Fischer von der Rezeption war niedergeschlagen und beraubt worden. Erkannt hatte sie niemanden. Weg war die kleine Kasse, in der die Gelder für Veranstaltungen im Haus geschlummert hatten.
Als Frau Guntermann zur Rezeption gekommen war, fand sie niemanden vor, was ungewöhnlich war. Guckte dann, warum wusste sie nicht zu sagen, über den Tresen, wie sie es nannte, und sah – Frau Fischer, am Boden liegend, leise stöhnend. Der Leiter des Hauses wurde herbeigerufen, rief seinerseits aber weder den Notarzt noch gar die Polizei, sondern nahm Frau Fischer mit in sein Büro.
Die Gerüchte waren allerdings nicht mehr einzufangen.

Die bequemen Sessel mit dem rosengeschmückten Bezug aus teurem Brokat blieben leer. Man stand lieber.
„Margret!!“
„Jaaaa.“
„Es war deine Idee.“
„Ja, das ja, aber …“
„Gut, morgen dann.“

Niemand hatte am Tag fünf Lust auf die blumenbedruckten Brokatsessel in der weitläufigen Halle.
Auf der Anfahrt vor der Eingangstür standen Polizeiautos mit blitzenden Lichtern und offenen Türen.
Wo – war -  Irmtraud?

 

Sonntag, 18. Dezember 2016

Die Weihnachtsfeier

„Was ziehst du an?“ Ein Anruf von Margret.
„Natürlich was mit Seide, und Schmuck, endlich mal wieder“, antwortete Gerda.
„OK“
Sie waren zu viert verabredet, Johanna sollte die Plätze freihalten, sie war sowieso immer die Erste bei allen Veranstaltungen. So auch heute. Tapfer verteidigte sie die Plätze gegen den Ansturm, der kurz vor vier einsetzte. Cafeteria und Speisesaal waren zu einer Einheit zusammengefügt worden, es hatten sich fast zweihundert Bewohner des Hauses am Kirchberg zu ihrer jährlichen Weihnachtsfeier angemeldet.
„Na, endlich,“ rief sie, als Irmtraud endlich angerauscht kam. Natürlich auch sie in Samt und Seide. Sie nahm Platz und begutachtete als Erstes das Gebäck, das auf dem Tisch stand. Na, ja. Dann kamen auch Margret und Gerda, sie mussten mit dem Rücken zur Kapelle sitzen. Machte aber nix, sie wollten ja hören.  Nun wurde auch Kaffee eingeschenkt, die wievielte Tasse war das heute, fragten sich die Damen. Eigentlich mussten sie vorsichtig sein – mit über siebzig – weit über siebzig.


Der Lautsprecher röchelte, da bereitete sich was vor. Ja, der stellvertretende Direktor rüttelte am Mikrofon, tiptop in schwarz, wie es sich in diesem Haus gehörte. Ein paar warme Worte zur Adventzeit, zum Beschaulichen, zum Traditionellen zum Besinnlichen und so weiter. Die Glastüren schwangen auf, eine schwarz gewandete junge Dame schwebte herein, die Geige im Anschlag – witzelte Gerda. Aber wirklich schick die Garderobe. Was spielte sie? Was Passendes, keine Ahnung, was – murmelten die Damen; und – der Kaffee ist gut; und – dann kanns ja losgehen.

Es ging los. Mit Schwung. Waren das nicht Zigeunerklänge? Halt – durfte man das sagen: Zigeunerklänge? Margret guckte streng. Aber doch merkwürdig, war das nicht eigentlich eine Weihnachtsfeier? Na, abwarten, das kommt noch. Kam aber nicht. Ein Czardas jagte den anderen. Die Damen sahen sich an, sie waren platt – wie Johanna murmelte. Sie murmelte weiter: „Passen bestens hier ins Haus, die Musiker – alle haben weiße Haare.“ Johanna war stolz auf ihre eigenen weißen Haare.
Der Balkan war abgehakt, nach einer kleinen Atempause wurden Operettenklänge angekündigt.
„Sie dürfen gerne mitsingen,“ forderte der Stehgeier auf und zog noch eben seine Hose hoch. Sah unternehmungslustig aus, fand Johanna, die Sicht auf die Musikergruppe hatte. M i t s i n g e n ? „Sind wir hier bei einem Betriebsfest?“, fragte Irmtraud spitz.
Der Stehgeiger setzte noch einen drauf: “ Sie können auch gerne mittanzen, soweit es der Platz zulässt.“ Irmtraud verließ den Tisch Richtung Toilette, man hörte sie im Nebenraum hysterisch lachen. Das war der Raum, in dem die Rollatoren versammelt waren.
Zum Trost ein kleines vorweihnachtliches Dorf aus dem Erzgebirge:



Sonntag, 11. Dezember 2016

Der Neue

„Der sieht eigentlich ganz gut aus. Graue Haare, na, ja, das Übliche hier im Haus. Aber ein erstklassiger Haarschnitt. Auch die Klamotten, bestimmt teuer.“ Susanne legte ihren Kopf schief und hielt den Neuen fest im Auge. Er saß ein paar Tische entfernt, konnte die positive Beurteilung also nicht hören. Gerda hatte ihr schweigend zugestimmt und nickte immer noch mit dem Kopf. War sie so begeistert?
„Das finden auch andere hier im Haus. Habt ihr mitgekriegt, wie sie sich in der Cafeteria recken und strecken, um ihn an ihren Tisch zu bekommen?“ Auch Johanna hielt den Neuen fest im Auge, er war aber auch wirklich ein angenehmer Anblick.
„Ja klar, aber meistens geht er vorbei und setzt sich allein an einen Tisch. Soweit, dass sich Frau Meier einfach an seinen Tisch setzt, ist es ja noch nicht gekommen.“ Margret hatte keinen Blick auf den Tisch des Neuen, wusste aber anscheinend, dass Frau Meier besonders interessiert war.
„Der trau ich das auch gar nicht zu, eher schon Frau Müller, die hatte doch auch den Dicken von Haus B fest in ihre Hand bekommen. Schade nur, dass er …“ Gerdas Kopf nickte schon wieder - traurige Wahrheiten wurden selten ausgesprochen in der coolen Seniorenresidenz.
„Ja stimmt, sie bemutterte ihn ständig, ekelhaft.“ Susanne.
„Aber ihm wird’s wohl gefallen haben, sonst hätte er sich schon eher dünne gemacht – der Dicke.“ Elvira lachte schallend über ihren Witz, allerdings blieb sie damit allein. Sie war noch neu in diesem Kreis älterer Damen, die sich ab und zu zusammensetzten. Auch, um sich über Nachbarn und Nachbarinnen auszutauschen. Jetzt mischte sich Irmtraud ein, der Mittelpunkt dieser Runde.
„Was Frau Meier betrifft, so hat sie übrigens die Betreuung seiner Zimmerpflanzen übernommen. Das duldet er, weil er viel zu faul ist, sie selbst zu pflegen.“ Die anderen sahen sich schweigend an. Wie immer, Irmtraud wusste mehr. Sie genoss die Situation.
„Frau Müller ist noch nicht zum Zuge gekommen, obwohl sie schon zwei Mal mit einem Piccolo und zwei Gläsern vor seiner Wohnung gestanden hat. Auf ihr mehrfaches Klingeln hat er zwar geöffnet, die Einladung zum Sekt aber abgelehnt. Tür zu und Schluss.“
Peinlich, fanden alle. Tsss, tsss und Kopfschütteln.
„Wer übrigens auch sehr interessiert ist“, Irmtraud machte eine Kunstpause und blickte in die Runde, dann nahm sie Susanne aufs Korn und lächelte maliziös. „Irgendwer möchte sich mit ihm über die Schönheiten Gran Canarias austauschen.“ Stille. Alle wussten Bescheid.
Susanne holte tief Luft, und:“ Und das erzählt er dir wohl, wenn du ihm jeden Morgen deine Zeitung zu bringst?“


Wenn Blicke töten könnten.

Samstag, 19. November 2016

Kur mit Schatten

Versonnen blickt Johanna aus dem Fenster, hinaus in den Garten, der fast ein Park ist. Ihr Blick schweift über die gepflegten Wege, den Rasen, die Blumenrabatten hin zum kleinen Blauen See. Die Kur in diesem Haus hat sie verdient. Zwar wohnt es sich auch im Haus am Kirchberg sehr gut und komfortabel, aber ein wenig Abwechslung hin und wieder muss sein. Die Sonne steht noch hoch am Himmel, es ist vier Uhr.
Ihr Entschluss ist gefasst, sie ist ganz ruhig. Ihre rechte Hand gleitet in die Tasche des schneeweißen Bademantels, ja sie sind da, die Tabletten. Noch ein paar tiefe Atemzüge, dann greift sie zum Glas, um es endlich leer zu trinken. Das grüne Zeug schmeckt ekelhaft -  soll aber gesund sein.
Die Liegestühle in der elegant ausgestatteten Halle mit den großen Fenstern sind sämtlich noch besetzt, ein weißer Bademantel neben dem anderen, darüber blonde, schwarze und graue Köpfe. Johannas Blick bleibt auf Kunigunde haften, so hat sie sie selbst genannt. Zu ihrer Nachbarin gewandt:
„Sehen Sie sich das an: Operationen, Ersatzteile, Kosmetik, Friseur und ein eiserner Wille halten das Ganze zusammen.“ Ihre Nachbarin kichert und ergänzt: „Und natürlich ein Bankkonto als Grundlage.“
Dieses Bankkonto ist nach Johannas Vermutung der Grund, warum Doktor Eisenbart – auch eine private Namensgebung – dieser Dame so viel Aufmerksamkeit schenkt. Bis zur Ankunft Kunigundes war sie selbst Objekt seiner Schmeicheleien gewesen. „Und unser guter Doktor betet den Mammon an.“ So bestätigte die Nachbarin ihre These. Beide lächeln einvernehmlich, Johanna etwas verkniffen. Sie greift noch einmal nach den Tabletten: Die muss weg.
Etwas mühsam erhebt sie sich dann aus ihrem Liegestuhl, versucht trotzdem eine elegante Pose – Doktor Eisenbart steht am Eingang, an ihm muss sie vorbei, wenn sie zu ihrer Suite will.
„Johanna, Sie verlassen vorzeitig den Ruheraum? Das gefällt mir gar nicht. Sie brauchen diese Erholungsphase.“ Der Doktor lächelt Johanna an, ganz so wie früher, denkt sie.
„Ach, lassen Sie mich, die harten Stühle hier, das passt mir nicht“, sagt Johanna.
„Unsere Prinzessin auf der Erbse.„
Vor der Tür des Ruheraums kommt sie an dem Regal vorbei, an dem sich die Damen bedienen, wenn sie herunterkommen zur Ruhephase. Die Fächer sind mit Namen versehen und enthalten die täglich wechselnden Gesundheitstränke. Viele murren darüber, aber Doktor Eisenbart geht mit gutem Beispiel voran, auch sein Glas steht im Regal. Jetzt ist alles leer, die Damen ruhen ja schon.


Gegen elf Uhr am nächsten Morgen ist Johanna ganz erschöpft von all den Behandlungen, die sie schon hat über sich ergehen lassen müssen. Oder hat sie sie genossen? Das fragt sie sich, während sie in aller Ruhe die Kapseln zerschneidet, die das Fingerhutpräparat enthalten. Sie will nicht länger zusehen, wie Eisenbart Kunigunde hofiert. Ob sie ihn zurückgewinnt, das ist ihr eigentlich gleichgültig – aber Kunigunde muss weg, jedenfalls so lange, wie ihr eigener Aufenthalt hier im Haus noch dauern wird. Aus einer Serviette bastelt sich Johanna ein Tütchen, es muss ja schnell gehen beim Einfüllen des Giftes in Kunigundes Becher. Sie hat es schon ein paar Mal geübt mit Zucker und ist jetzt sicher, dass es klappen wird.

Es ist acht Uhr am Abend, Johanna macht einen kleinen Spaziergang im Park. Dabei hat sie den Eingang zum Haus am Blauen See im Auge. Sie wartet auf den roten Wagen mit dem Martinshorn, ihr Pülverchen muss doch allmählich Wirkung zeigen. In Eile und im Halbdunkel hatte sie ihr Tütchen geleert. Später hatte sie gesehen, dass alle Gläser leer waren. Auch das von Eisenbart, vorbildlich von ihm, dass er auch von dem Sud trinkt. Sie wartet vergebens. Nein, nicht wirklich vergebens: Ein schwarzes Auto fährt vor. Zwei schwarzgekleidete Herren tragen etwas, was aus der Entfernung wie ein Sarg aussieht. Es ist ein Sarg. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchfließt Johannas alten Körper, sie muss sich setzen. Das hatte sie nicht zu hoffen gewagt. Ein längerer Krankenhausaufenthalt hätte ihr genügt. Aber wieso gibt es keine Polizei im Haus? Eigentlich keine Frage. Doktor Eisenbart kann sich dergleichen nicht leisten. Der Totenschein wird auf Herzversagen lauten. Und stimmt das nicht auch?

Johanna unternimmt einen Morgenspaziergang im Park. Es wimmelt von weißen Bademänteln, dazwischen die rosa Kostümchen der Schwestern, die die ein wenig gebrechlicheren Damen begleiten. Eigentlich so etwas wie ein Altenheim, nur besseres Essen und bessere Zimmer, denkt Johanna.
Man begegnet sich, man nickt sich zu, man ist ja so positiv trotz aller Beschwerden. Aber irgendetwas ist anders als sonst, die Stimmung scheint gedrückt, vor allem bei den Schwestern. Ja, irgendetwas war schon heute Morgen anders, die Visite hatte der Jungspund, so Johannas Namensgebung, übernommen.
Johanna strebt zu einer Bank, von der aus man über den kleinen See blicken kann. Leider sitzt schon jemand dort. Johanna erstarrt. Bleibt stehen. Ringt nach Luft. Unmöglich: Kunigunde. Wer lag gestern Abend im Sarg?

 

Freitag, 4. November 2016

Der Tote in unserem Garten


Die Sonne schien und lockte Johanna auf den Balkon hinaus. Sie erfreute sich an der Bepflanzung ihres Blumenkastens, drei strahlend gelbe Stiefmütterchen eingebettet in dicke Tannenzweige. Sah hübsch aus und war preiswert gewesen. Sie blickte hinunter in den Garten, der das Haus umgab und überprüfte dabei, was ihre Nachbarn auf den Balkonen gepflanzt hatten: Längst nicht so schlicht und schön wie bei ihr.
Unten im Garten hatte der Gärtner schon wieder etwas herumliegen lassen, einen Sack Erde wahrscheinlich, sehr groß. Direkt unter der Weide. Zu sehen war er nicht. Man sah ihn nur zusammen mit seiner Motorkarre, das heißt, er saß drauf und verärgerte alle Nachbarn durch seinen Lärm. Jetzt war nichts zu hören. Sollte der Sack da über Nacht liegenbleiben?
Telefon im Wohnzimmer: Gerda. „Geh mal auf den Balkon und sieh dir das an, jetzt schlafen die Penner schon in unserem Garten.“
„Penner, in unserem Garten? Wie meinst du das?“
„Ja, geh mal raus und sieh es dir an, der Kerl liegt schon seit Stunden da.“
„Ach was, ich habe auch was gesehen, das ist ein Sack Erde, den der grobe Klotz hat liegen lassen.“
„Meinst du? Ich halte das für einen Mann in einem braunen Mantel.“
Johanna strich ihre weißen Haare aus dem Gesicht, ging wieder auf den Balkon und guckte. Diesmal angestrengt. Der Sack oder der Penner hatte sich nicht bewegt. Mussten sie etwas tun?
„Gerda, ich erkenne ehrlich gesagt nicht, was das da unten ist, halte es immer noch für einen Sack mit Erde. Aber müssen wir nicht was unternehmen, wenn es wirklich ein Mensch ist?“
„Ach was, lass den Kerl ausschlafen, dann wird er schon wieder verschwinden.“
„Aber es wird gleich dunkel und es wird gleich kalt werden. Wenn dann etwas passiert, sind wir schuld, unterlassene Hilfeleistung heißt das.“
„Wir müssen es ja niemand erzählen, dass wir was gesehen haben“, sagte Gerda und versetzte Johanna damit in Erstaunen. Gerda war doch immer sehr korrekt gewesen.  Nicht nur das, sie ließ auch anderen keine Unkorrektheiten durchgehen.  Und nun so etwas.
„Aber Gerda“, sagte sie nur, hatte eigentlich auch keine Lust, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie trennten sich, leichte Verstimmung auf beiden Seiten.


Johanna legte den Hörer auf, machte sich einen Becher Tee und wollte jetzt endlich ihr Buch hochnehmen und lesen. Aber. Aber ein Gedanke saß in ihrem Kopf: Und wenn es doch ein Mensch wäre, der da unter der Weide lag? Vielleicht. Vielleicht war das sogar eine Leiche. Hier stockte Johanna. Ließ ihren Thriller sinken, er fiel ihr vor die Füße. Warum las sie auch solche Sachen. Da passierten die unmöglichsten Dinge. Und kurbelten die Fantasie an. Sie ging noch einmal auf den Balkon: Der Sack lag noch da. Oder die Leiche. Ob sie hinuntergehen sollte um nachzusehen? Aber nein, es wurde schon dämmrig. Und sie war alt und ein bisschen wacklig auf den Beinen. Das war eine gute Entschuldigung. Und außerdem – wenn er sowieso schon tot war?

Der nächste Morgen war trüb, sehr trüb. Im Garten waren viele rotweiße Bänder gespannt, Menschen in Uniformen oder weißen Anzügen hatten zu tun. Jetzt nahm Johanna ihren Gehstock, der im Schirmständer steckte, und ging hinunter. Sie musste Gewissheit haben, was da los war. Menschen standen herum, wussten vieles zu erzählen. Kinder hatten auf ihrem Schulweg einen Toten gefunden. Wer war das? Niemand wusste das. Der Mann war in den Graben gefallen – und gestorben. So erzählten es die Gaffer. Johanna schluckte. In ihrer Magengegend rumorte es, sie schluckte wieder und wieder. Sie – hätte – helfen – können. Er musste noch gelebt haben, war aufgestanden und dann in den Graben gefallen. Und sie hatte nichts getan. Aus Gleichgültigkeit. Sie wagte es nicht, sich umzusehen. Es war auch nicht mehr viel zu sehen. Die Leiche war abtransportiert worden.

Später am Tag gingen Polizeibeamte von Wohnung zu Wohnung und fragten, ob man irgendetwas gesehen hätte. Zu Johanna kam ein junger Beamter, der sich als Kommissar Lutz vorstellte. Johanna hatte sich inzwischen von ihren Gewissensbissen erholt und antwortete auf seine Fragen, ohne über die gestrigen Beobachtungen zu sprechen. Der Kommissar sprach von einem Toten, der im Graben gefunden worden war. Wie und wann er gestorben war, darüber sprach er natürlich nicht und Johanna hatte auch keine Lust zu fragen. Er bat sie, mit ihm auf den Balkon zu gehen, was sie auch tat. Er wollte ihr wohl beweisen, dass sie etwas hätte sehen müssen.
Johanna wagte es kaum, die Stelle unter der Weide zu suchen, auf der gestern der Mann gelegen hatte. Dieser Stelle näherte sich jetzt der dicke Gärtner mit seiner lauten Karre, stellte den Motor ab, stieg von der Karre, bückte sich - hob den Sack auf und verschwand.