Samstag, 1. Juni 2019


Juni 2019

Liebe Freundinnen und Freunde der Seniorenstories,



eigentlich hatten wir vor (Anne Pöttgen und Sophie Lange), noch lange Zeit  Seniorenstories zu schreiben. Doch aus gesundheitlichen Gründen müssen wir im Moment unsere Arbeit einstellen oder zumindest pausieren. Vielleicht ergibt sich später mal eine neue Möglichkeit.



Wir bedanken uns für Euer und Ihr Interesse an unseren Geschichten, immerhin sind es knapp zehntausend  Aufrufe gewesen.

Wir grüßen mit den besten Wünschen.


und Anne Pöttgen www.annepoettgen.de

Mittwoch, 15. Mai 2019

Die kalte Sophie am 15. Mai


von Sophie Lange

Der 15. Mai mit dem Festtag der heiligen Sophia beendet die Tage der Eisheiligen.Vom Sophientag gibt es viele Bauernregeln, von denen einige hier aufgeführt sind:



         Der Mai in der Mitte

         hat für den Winter stets noch eine Hütte.



         Vor Nachtfrost bist du sicher nicht,

         bevor Sophie vorüber ist.

        

         Sophie man die Kalte nennt,

         weil sie gern kalt Wetter bringt.



         Vor Bonifaz kein Sommer,

         nach der Sophie kein Frost



         Pankraz, Servaz, Bonifaz

         und die kalte Sophie,

         vorher lache nie!



         Pflanze nie

         vor der kalten Sophie.



         Die kalte Sophie kommt mitunter

         mit frostiger Nacht zu uns herunter.



         Manche Pflanze wird nicht alt,

         denn die Sophie liebt es kalt.

        

         Oft hat Sophie Frost gebracht

         und manche Pflanze totgemacht.



         Pankrazi, Servazi und Bonifazi

         sind drei frostige Bazi

         Und zum Schluss fehlt nie,

         die kalte Sophie



         Die kalte Sophie bringt zum Schluss,

         ganz gern noch einen Regenguss.


Samstag, 11. Mai 2019

Handy-Freaks


von Sophie Lange



Die Schulglocke kündet den Schulschluss an. Nun erwartet man, dass die Kinder lautstark aus dem Gebäude stürmen. Aber nein! Sie stürmen zwar, aber es bleibt still. Kein Geschrei, kein Streit, kein Gerangel, alles ruhig. Hastig kramen die Kinder ihre Handys aus dem Tornister. Während des Unterrichts mussten sie diese ausschalten, doch jetzt sind sie der Lehrerdiktatur entronnen und nun wird gewischt, getippt, gesimst, gedaddelt, gezockt. Alles ringsum ist vergessen.

Von einer Bank aus beobachten Meyer Eins und Meyer Zwei das Gebaren der Kinder.  „Diese Handys! Eine Plage.“ Meyer Eins schüttelt missbilligend den Kopf. „Und diese Kinder! Sie sehen nichts, sie hören nichts!“ piepst er. „Steht das nicht schon in der Bibel?“

„So ähnlich!“ brummt Meyer Zwei. „Aber ich glaube, damit waren nicht die Handy-Freaks gemeint.“

Meyer Eins: „Was sind eigentlich Freaks?“

Meyer Zwei: „Freaks sind Nerds“

Meyer Eins: „Und was sind Nerds?“

Meyer Zwei: „Nerds sind Freaks.“

Alles klar!



Szenenwechsel  - Im Altenheim haben sich die Bewohner im „Festsaal“ versammelt. Singen steht auf dem Programm. Geduldig – und apathisch - warten sie auf die Gruppenleiterin. Diese Stille überrascht Besucher immer wieder. Wenn man da an Seniorengruppen denkt! Das ist immer ein Geschnatter und Gekicher ohne Ende. Nein, im Altersheim hat man sich längst alles erzählt, was erzählenswert ist. Und Neues passiert kaum. Man schweigt sich an. Doch dann werden Frühlingslieder gesungen: Es tönen die Lieder... / Leise zieht durch mein Gemüt.... / Es geht eine helle Flöte... / Jetzt fängt das schöne Frühjahr an.....usw. Frühlingsstimmung breitet sich aus. 



Zeitsprung - Versetzen wir uns einmal 20 Jahre später. Im „Festsaal“ ist Singen angesagt. Eine große – oder besser gesagt mittelgroße Gruppe - hat sich eingefunden. Es ist still, aber die Senioren sind durchaus aktiv. Sie haben ein Handy in der Hand und scrollen eifrig hin und her. Ja, das Handy hat die nächste Generation erreicht und diese ist nicht weniger entzückt als die jungen Freaks von einst. Mit Kindern und Enkel Infos austauschen, von Freunden Neuigkeiten erfahren, über Fußballspiele diskutieren, Spiele ausprobieren. Das macht doch richtig Spaß.



Und die einstigen Nerds? Sind sie inzwischen der Informationsflut überdrüssig? Hat sich etwas ganz Neues durchgesetzt? Oder sind sie zu dem alten Brauchtum zurückgekehrt: „Reden miteinander“? Live!

Montag, 6. Mai 2019

Frühling


Frühling



Nun ist er endlich kommen doch

In grünem Knospenschuh;

„Er kam, er kam ja immer noch“,

Die Bäume nicken sich's zu.



Sie konnten ihn all erwarten kaum,

Nun treiben sie Schuss auf Schuss;

Im Garten der alte Apfelbaum,

Er sträubt sich, aber er muss.



Wohl zögert auch das alte Herz

Und atmet noch nicht frei.

Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,

Und März ist noch nicht Mai.“



O schüttle ab den schweren Traum

Und die lange Winterruh':

Es wagt es der alte Apfelbaum,

Herze, wag's' auch du.



Theodor Fontane (1819-1898)












Donnerstag, 18. April 2019

Ostern


Frühlingsglaube



Die linden Lüfte sind erwacht,

sie säuseln und wehen Tag und Nacht,

sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang! 

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muss sich alles, alles wenden.




Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

man weiß nicht, was noch werden mag,

das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal:

nun, armes Herz, vergiss der Qual!

Nun muss sich alles, alles wenden!



Ludwig Uhland (1787-1862)

Sophie Lange und Anne Pöttgen wünschen ein frohes Osterfest






Freitag, 5. April 2019

Das haben wir immer so gemacht


von Sophie Lange

Im Frühling wird die Menschheit, besonders der weibliche Teil, von einem ruhelosen Putzwahn erfasst. Alles wird gewienert, geputzt und gefegt. Warum? Da ist die Antwort ganz klar: Das haben wir immer so gemacht. Schon Eva hat vor Frühlingserwachen voller Eifer die Wege im Paradies gefegt und die Baumstämme abgeschrubbt. Im alten Ägypten wurden in einer Großaktion die Pyramiden per Staubwedel abgestaubt und das schwarze Meer wurde dank Persil blütenweiß gewaschen.

Auch die Kleidung wird aufgeschönt. Das haben wir immer so gemacht. Alle wollen wie aus dem Ei gepellt aussehen. Die englische Queen verziert ihre Prachthüte mit taufrischen Plastikblumen und „os Angela“ bringt ihre farbenfrohen Blazer mit Bundeswehr-Unimogs in die Reinigung. Und überall leuchtet es, so zum Beispiel in blau-weiß, eine Kombination, die Mohamed (war ein Prophet) höchstpersönlich ausgesucht hat. So wurde es vor Jahrzehnten zumindest auf einigen Fußballplätzen lauthals geschmettert.

Wer erinnert sich noch daran, dass in Städten und Dörfern die Oberbetten und Decken in die Fenster gelegt wurden, um sie aufzufrischen und den Kohlenstaub aufzusaugen? Heute macht man das nicht mehr, wegen des Feinstaubs, der im Gegensatz zu Kohlenstaub richtig ungesund ist. In der guten alten Zeit wurden die Teppiche nach draußen auf den Rasen geschleppt und mit Rattan-Teppichklopfer so lange bearbeitet, bis sich kein Stäubchen mehr zeigte. Diese robusten Klopfer wurden in kinderreichen Familien auch schon mal als Erziehungsmittel eingesetzt. Raue Sitten, für die es nur eine einzige Entschuldigung gab: Das haben wir immer so gemacht.

Dann der Endspurt: „Auf die Bäume ihr Affen, der Wald wird gefegt!“ Blitzblank muss alles sein, was soll denn sonst der Osterhase denken, wenn es im grünen Forst aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Dieser Tage kam ein Aufruf bei Facebook: Osterhase sucht ehrenamtliche Helfer bei Nester bauen, Eier färben, verstecken, suchen und finden. Hausfrauen stehen kurz vor dem Zusammenbruch, beginnt doch jetzt erst der wahre Hausputz: Schränke und Schubladen aufräumen, polieren, Türen abwischen, Fenster putzen, Vorhänge waschen usw. usw. Tag und Nacht ist die Damenwelt im Einsatz, während die Männer in die Wüste flüchten oder sonst wohin, auf jeden Fall ganz weit weg: Das haben die immer so gemacht.

Endlich ist der Ostersonntagmorgen da  - mit österlichem Frühstückstisch, bunt bemalten Ostereiern und allem was dazu gehört. Doch vor dem Essen kommt das Eierdippen oder auch Eierkippen genannt. Dazu nimmt jeder ein Ei in die Hand, ein Osterei natürlich, und dann wird gestoßen, Spitze gegen Spitze oder Kuppe gegen Kuppe (Spitz op Spitz, Bol op Bol). Sieger ist derjenige, dessen Ei seine harte Schale bewahrt hat. Er bekommt als Lohn das zerdepperte Ei seines Gegners. Hat der Gewinner mehrere „geblötschte“ Eier erspielt, ist der Eiersalat für das Abendmahl gesichert. Und sollte eines der Kinder fragen: Warum macht man so 'nen Hokuspokus? So ist die Antwort wohl klar: Das haben wir immer so gemacht.




Freitag, 29. März 2019

Jeder ist seines Glückes Schmied


von Sophie Lange

In den Seniorengruppen ist das Ergänzen von Sprichwörtern beliebt.  Zuerst kommt die Gruppe allerdings nur langsam in Fahrt: „Aller Anfang ist schwer.“ Aber wenn sie sich einmal warmgelaufen haben, dann läuft es. Die Gruppenleiterin fängt an mit dem Glück. „Glück im Spiel …“ Alle ergänzen im Chor: „Pech in der Liebe.“ Was immer das bedeuten mag.

Martha darf jetzt das nächste Sprichwort beginnen und führt zu: „Glück und Glas wie leicht bricht das.“ Doch Manfred tröstet sie: 'Das Glück ist mit die Doofen.' Wenn dich das Glück meidet, gehörst du also nicht zu „die Doofen.“ Und doch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und hat sein eigenes Leben in der Hand. Viele Sprichwörter sind aus Lebenserfahrung entstanden und zu Lebensweisheiten geworden. Und so geht es weiter. Jeder weiß etwas. Alle sind überrascht, wie viele Sprichwörter sie kennen. Im Durchschnitt sind jedem Erwachsenen 300 Sprüche geläufig, hat man festgestellt. Kinder kommen immerhin auf 100 Stück.

In manchen Familien wurden die Kinder früher regelrecht mit Sprichwörtern erzogen. Immer fleißig sein, mussten die lieben Kleinen: „Ohne Fleiß kein Preis“ „Erst die Arbeit, dann das Spiel!“ „Ohne Arbeit kein Essen.“ Und überhaupt: „Arbeit macht das Leben süß.“ Doch da kommt ein Einwand „Faulheit stärkt die Glieder!“ Ist auch nicht zu verachten. Verpflichtungen soll man sofort erledigen: „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“ Die Fleißigen und Klugen haben nicht immer den meisten Erfolg: „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffel“, weiß man in der Gruppe. Trotzdem werden die Kinder ermahnt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Und auch der Lehrer weiß: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, werden die Kleinen zur Sparsamkeit ermahnt. Wie wichtig Ehrlichkeit ist, sagen gleich mehrere Sprichwörter: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er doch die Wahrheit spricht.“ „Lügen haben kurze Beine.“ „Ehrlich währt am längsten.“ Pünktlichkeit wird so erklärt: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit.“ „Ein bisschen zu spät ist viel zu spät.“ „Besser spät als nie!“ Und „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“

Nicht nur Kinder auch Erwachsene werden durch Sprichwörter zurechtgewiesen. Bescheidenheit ist eine Tugend, die jung und alt beherzigen sollen: „Bescheidenheit ist eine Zier.“ Doch die Erfahrung im harten Lebenskampf hat wohl die allgemein bekannte Ergänzung gebracht „ … doch weiter kommt man ohne ihr.“ Aber immerhin: „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Wer oft über andere tratscht, muss sich sagen lassen: „Ein jeder kehr' vor seiner Tür, es liegt genug Dreck dafür.“ Ordnung ist das halbe Leben: „Halte Ordnung liebe sie, sie erspart dir Zeit und Müh'.“ Das ließe sich jetzt laufend fortsetzen, denn es gibt einige Tausend deutsche Sprichwörter. Der Bonner Dichter und Philologe Karl Simrock (1802-1876) hat einmal gesagt: „Alle Sprichwörter aufzuschreiben ist so wenig möglich, wie die Sterne zu zählen.“

Pünktlich ist die Seniorenstunde zu Ende. „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“ Doch jetzt heißt es nur noch im Chor:

                                               „Ende gut, alles gut!“