Freitag, 5. Januar 2018

Die Sterne stehen gut


Morgendliche Zeitungsrunde im Seniorenheim. Die Mitarbeiterin des Hauses, Frau W., hat die Zeitung schon durchgearbeitet und einige Artikel für die Gruppe herausgepickt, die sie vorlesen will und worüber diskutiert werden kann – oder auch nicht. 
Da ist zunächst die große Inland-Politik und die noch größere Weltpolitik. Meinungsverschiedenheiten, Streit, Palaver, Hickhack. Überall dasselbe. Etwas Positives ist nicht dabei. Weiter geht  es mit Krieg, Kämpfen, Terror – auch nicht besser. Dann kommen die Wetter- und andere Katastrophen rund um den Erdball: Erdbeben in Spanien, Hurrikan in Florida, irgendwo in der Tundra sind zwei Züge entgleist. Und dann das noch: In China ist ein Sack Reis umgefallen.
Die Sportseiten überschlägt Frau W. Da hat es schon oft genug Tumult in der Runde gegeben, schlimmer als in den Fußballstadien. Bleibt noch das Wetter, auch nur miese Vorhersagen: Regen, Sturm, Kälte. Zum Schluss der Informationsstunde kommt zur Hebung der Stimmung das Horoskop.
Heute zum Anfang des neuen Jahres hat Frau W. sich etwas Besonderes einfallen lassen. Sie hat in einer Zeitschrift die Jahreshoroskope studiert. Die bringen ellenlange Ausblicke über Liebe und Partnerschaft, Job und Finanzen und anderes. Die Gruppenleiterin hat sich die Mühe gemacht, aus jeder Sternbildprognose einen einzigen Satz auszuwählen.
Widder!“, ruft sie. Ein adipöser rundlicher Widdermann hebt die Hand und darf jetzt seine Jahresbotschaft vernehmen: „In Ihnen tobt in diesem Jahr ein Vulkan an Energie.“ Da strahlt der Widder -  wie Mario Götze nach einem Tortreffer.
Weiter geht es mit dem Stier: „Auf Ihrem Konto liegt immer genügend Geld.“ Das bringt zwei Stiermänner zum Jubeln wie Beinahe-Millionäre bei Günter Jauch.
Bei Zwillinge darf eine flotte Seniorin neugierig sein, denn es heißt dort: „Nach einigen lockeren Flirts wird Ihnen ein Typ über den Weg laufen, von dem Sie definitiv mehr wollen.“ Sie schaut erwartungsvoll wie ein Okapi, das grazile Giraffentier mit den sanften Rehaugen.
Eine Matrone mit dem Sternzeichen Krebs darf sich anhören: „Damit 2018 ein Glücksjahr wird, müssen Sie Ihre Komfortzone verlassen.“ Die alte Dame ist irritiert: „Komfortzone? Sowatt hab ich net. sowatt kenn ich net, sowatt will ich net!“ Trotzdem lächelt sie – verhalten– wie Mutter Beimer von der Lindenstraße.
Eine Löwin und ein Löwe kriegen kurz und bündig die Nachricht: „Ihr Leben wird bunter und aufregender.“ Die beiden schauen sich freudestrahlend in die Augen und grinsen wie ein Honigkuchenpferd im Doppelpack.
Das Sternzeichen Jungfrau ist dran: „Es könnte etwas Großes in Ihr Leben treten.“ Eine Jungfrau mit schneeweißen Haaren strahlt wie Schneewittchen bei dem Erweckungskuss durch den Prinzen. 
Bei Waage ruht still der See. Niemand dabei.
Einer etwas knittrigen Skorpion - Frau wird vorhergesagt: „Sie haben 2018 alle Chancen.“ Zwei hoffnungsvolle Augen leuchten auf wie bei der frisch gekrönten Königin vom Dschungelcamp.
Einer quirligen Schützefrau wird geraten: „Am besten gehen Sie auf Reisen und lassen sich in der Fremde inspirieren.“ Die Frau reibt sich in der Vorfreude schon mal die Hände. Ihr Gesicht ähnelt einem pausbäckigen Engelchen am Weihnachtsbaum.
Nach einem Null-Ergebnis beim Steinbock
gibt es beim Wassermann gleich zwei weibliche und drei männliche Wasserratten: „Sie können geradezu platzen vor Abenteuer“, liest Frau W. vor und schon wird der Raum heller vor lauter Unternehmungsenergie. Die Frauen strahlen wie verzauberte Nixen, die Männer wie Seeräuber nach fetter Beute.
„Als letztes kommen die Fische dran“, verkündet Frau W. „Es geht um die Liebe.“ Da fliegen gleich mehrere Arme in die Höhe. Waren die nicht schon zum Teil vorher dabei? Egal! Alle sollen sich erfreuen an der Hoffnung: „In Liebesdingen dürfen Sie Luftschlösser bauen.“

Frau W. schaut in die Runde. Nur strahlende lachende Gesichter wie lauter lustige Smilies. Was macht es da aus, dass sie die weniger guten Prognosen „geschlabbert“ hat. Hauptsache: Alle sind glücklich und zufrieden.



Liebe Leser und Leserinnen, wenn sie an Horoskope glauben - oder auch nicht, eines ist für 2018 sicher: Die Sterne stehen gut. Was der einzelne daraus macht, liegt allerdings an jedem selbst.

(Ähnlichkeiten mit irgendwelchen Personen in irgendwelchen Gruppen sind rein zufällig - sagt Sophie Lange)

Kommentare:

  1. "Die Hoffnung stirbt zuletzt" heißt es doch so schön und ich denke schon, da ist was Wahres dran. Und dieses Beispiel mit den fein gefilterten Aussagen eines Horoskopes macht die Stimmung sichtlich zufrieden.
    Ich finde diese kleine Geschichte nicht nur sehr schön, sie sollte tatsächlich auch praktiziert werden. Sie macht Spaß, sie macht Freude und sie zaubert ein wenig Fantasie in die Realität.
    Eine Geschichte, die mir gut gefällt...

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