Sonntag, 26. November 2017

Die Jugend von heute

"I bims" - das ist das Jugendwort des Jahres 2017, sagt der Langenscheidt-Verlag. Was bedeutet es? "Ich bin's". Wirft das einen Blick auf das Selbstverständnis der Jugend? Was ist sie? Sophie Lange zeigt auf, was man in tausenden von Jahren über die Jugend gesagt hat.


Herr M. klagt fast jeden Tag über die „Jugend von heute“ und zählt gleich mehrere Untugenden auf: Respektlosigkeit, Faulheit, Rücksichtslosigkeit usw. usw. „Die jungen Leute können nichts anderes, als den ganzen Tag auf ihren Handies spielen oder über ihre Smartphones wischen“, äußert er seinen Unmut.

Dabei sind die Klagen über die Jugend uralt. Auf einer Inschrift aus dem alten Ägypten, circa 2000 vor unserer Zeitrechnung, steht geschrieben: „Die heutige Jugend zeigt kaum noch Respekt vor den Eltern. Über die Erfahrungen und Weisheiten der Älteren spottet sie.“

Und auf einer babylonischen Tontafel aus der gleichen Zeit heißt es: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben. Sie ist böse, gottlos und faul.“

Der griechische Philosoph Sokrates (470-399 v. Chr.) konnte feststellen, dass die Jugend nicht nur die Älteren gering achtet, sondern auch die Lehrer tyrannisiert – worüber auch heutige Lehrer klagen. 

Der weise Aristoteles (384-322) fasst zusammen: „Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“

Das könnte man jetzt laufend fortsetzen, durch alle Jahrhunderte hindurch. Zu allen Zeiten hatten Erwachsene die Jugend auf dem Kicker.

580 n. Chr. schreibt der Bischof Gregor von Tours, dass man die Flammen der jugendlichen Leidenschaft nur mit Hilfe der klösterlichen Aufsicht und einer strengen Disziplin besiegen könne. Für diese Theorie begeistern sich kaum Jugendliche, egal zu welchen Zeiten.

Die Dichter haben sich natürlich auch zur Jugend geäußert.

Goethe (1749-1832) beklagt: „Dass doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt!“

Kurz und knapp bringt es der irische Schriftsteller Oskar Wilde (1854-1900) auf den Punkt: “Die heutige Jugend ist grässlich.“

Der Erzähler Paul Keller (1873 – 1932) fasst zusammen: „Die Jugend ist stark, trotzig, rachsüchtig.“
In einem Regierungsbericht von 1852 wird festgestellt, dass bei der Schuljugend die Anständigkeit und das sittliche Benehmen mehr und mehr schwindet. Wen wundert es da, dass von Anstand und gutem Benehmen inzwischen bei den jungen Leuten nichts übrig geblieben ist.

Der Reformator und Humanist Philipp Melanchthon (1497 -1560) urteilt über seine Schüler: „Sie haben keine Lust zu lernen, kein Ehrgefühl, keinen Gehorsam.“

Verständnis für die Jugend "von heute" zeigen nur wenige Zitate.

Den Ball zurück wirft Hansa Mohsen, geboren 1983: „An der Jugend von heute ist die Jugend von gestern schuld.“ Der Wurf trifft; trifft voll ins schlechte Gewissen all derer, die über die eigene Jugend das Mäntelchen „vergessen und vergeben“ ausgebreitet haben.

Der Journalist und Schriftsteller Gregor Dorfmeister, geboren 1929, bricht ebenfalls eine Lanze für die jungen Leute: „Die Jugend ist nicht gut, nicht schlecht. Sie ist wie die Zeit, in der sie lebt.“  Das mag Herrn M. trösten.

Über „die Zeit von heute“ ließe sich nun manches sagen – und nicht nur Positives..

Freitag, 17. November 2017

Im Waschsalon


Gerda schleppte einen Korb mit nicht mehr ganz sauberer Wäsche – das Wort schmutzig kam nicht mal in ihren Gedanken vor – in die Waschküche des Hauses am Kirchberg. Ach, verdammt, dachte sie, als sie die Tür öffnete, schon jemand drin und also vor mir dran. Mürrisch sagte sie „Guten Tag“ und mürrisch schob sie ihren Korb unter den Tisch,  an dem der Jemand saß. Er hatte sehr freundlich zurückgegrüßt und wies nun einladend auf den zweiten vorhandenen Stuhl.
„Wir kennen uns doch, wenigstens vom Grüßen her im Speisesaal“, eröffnete er die Konversation.
„Ja, stimmt“, antwortete Gerda und ihre Miene hellte sich auf. Den fand sie eigentlich ganz nett, hatte ihn gar nicht erkannt in seinem Freizeitlook. Auch ihre Freundinnen hatten sich schon positiv über ihn geäußert. Immer höflich, immer freundlich, immer einen munteren Scherz parat, so hieß es. Außerdem solo, ob ledig oder verwitwet – das war noch unbekannt. Auch nicht so wichtig.
Gerda hatte es sich am Tisch bequem gemacht, sprang aber gleich wieder auf, als sie feststellte, dass der Jemand nicht die Waschmaschine belegt hatte, sondern schon beim Trocknen war. Mit wenigen Handgriffen war das Waschen vorbereitet, die Wäsche eingefüllt und der entscheidende Knopf gedrückt. Zeit für einen Plausch. Und dabei die Gelegenheit festzustellen, ob er wirklich solo war. Ob nicht im Hintergrund eine Lebensgefährtin lauerte, oder eine Freundin oder was auch immer an weiblichen Figuren möglich war.
„Kommen Sie denn mit dem Waschen zurecht?“, fragte Gerda also.
„Ja, natürlich, ich wohne schon eine ganze Weile hier im Haus.“
„Niemand, der Ihnen diese lästige Arbeit abnimmt?“
„Das hab ich nicht nötig, ich kann das alles selbst, das hat mir schon meine verstorbene Frau zeitig genug beigebracht.“ Also Witwer.
„Ja, selbst ist der Mann“, scherzte Gerda.
„Sie würden sich wundern, was ich alles selbst kann.“ Der Jemand warf sich in die Brust und Gerda wartete darauf, mit was er nun angeben würde. Vergeblich. Sie wurde auch abgelenkt, irgendetwas stimmte nicht mit ihrer Waschmaschine. Geräusche, die sie sonst nicht von sich gab.
„Kann ich Ihnen helfen?“, der Jemand war aufgesprungen, ebenfalls alarmiert von den Geräuschen. Er stürzte zu ihrer Waschmaschine und begann wild mit den Knöpfen zu hantieren. Die Töne nahmen dramatische Höhen an und mit einem gewaltigen „Klack“ war die Sache beendet. Still ruhte Gerdas Wäsche in der Lauge. Der Trockner daneben drehte weiter seine Runden. Gerda erwartete, einen zerknirschten Jemand vor sich zu sehen. Aber nein, siegesgewiss stand der Jemand neben ihrer Waschmaschine. „Das haben wir gleich.“ Wir.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinkriegen soll, da muss ich den Technischen Dienst rufen. Oder ich gehe gleich rüber in die Werkstatt.“ Gerda verzichtete darauf, „wir“ zu sagen. Es war ihre Wäsche, auch wenn der Jemand den Zusammenbruch verursacht hatte.
„Aber gnädige Frau, das ist nicht nötig, das kriegen wir allein hin.“ Leider kam ihm keine Entschuldigung über die Lippen. Schließlich … Das sprach gegen ihn. Nach kurzem Nachdenken ließ Gerda ihn aber gewähren. Nur keine Missstimmung aufkommen lassen, schließlich waren sie Nachbarn. Irgendwie.
Der Jemand stand wieder an Gerdas Waschmaschine, Gerda neben ihm, um ihm ein „wir“ zu vermitteln. Sie blickte versonnen auf ihre neuen Schuhe, die sie seit heute trug. Lautlos bediente der Jemand die Knöpfe, die vorher so gekreischt hatten. Fast lautlos öffnete sich die Vordertür der Waschmaschine. Aber die Wäsche gurgelte, als sie sich den Weg aus der engen Maschine in die Waschküche bahnte. Und die neuen Schuhe saugten die Lauge begeistert auf, Wildleder.

Sonntag, 12. November 2017

Vom Lebensmotto


Angesichts der tagelangen Sondierungsspräche fragt man sich: Wird das klappen?
Sophie Lange hat dazu ein Motto für uns: Et het noch immer joot jegange


„Ich habe gelesen, dass Merkel ihr politisches Motto ‚Wir schaffen das‘ auch privat einsetzt“, weiß Onkel Bert in der Familienrunde zu berichten.
„Wie soll ich mir das denn vorstellen?“, überlegt Tante Luzie. Sie lässt ihre Fantasie spielen: Da sieht es in Merkel-Sauers Küche aus wie bei Hempels unterm Sofa. Schmutziges Geschirr von drei Tagen stapelt sich in der Spüle. Ehemann Sauer ist sauer, aber Angela krempelt die Ärmel hoch, spuckt in die Hände und ran ans Werk: Wir schaffen das.
Ja, so ist sie, unsere Angela.  

Dass eine ganze Stadt und ein ganzer Landstrich das gleiche Lebensmotto haben, das gibt es nur bei uns. Hier lautet die Anmerkung zu nichts und allem: „Et hät noch emmer jot jegange“. Als 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzte, tausende wertvolle Annalen vernichtet oder beschädigt wurden, zwei Menschen zu Tode kamen, blieben die Kölner ihrem Motto treu: Et hät noch immer jot jegange. Und wenn man als Fremder irritiert fragte: „Wiesu datt dann?“, kam prompt die Antwort.
„Der Dom steht doch noch.“
Und Jonas kommentierte mit seinem Lebensmotto: „Schlimmer geht immer“. In allem etwas Gutes sehen, das hat schon  die Gruppe Abba in ihrem Song „I believe in angels“ gesungen: „Something good in everything I see.“
Ja, so sind sie, die Optimisten vom Rhein  und anderswo.

In der Eifel setzt man noch einen drauf. Als vor langer Zeit bei einem Großbrand das halbe Dorf abbrannte, soll ein Eifeler Schlitzohr gesagt haben: „Et hät  noch emmer jot jejange – Pastuur si Hus (Haus) es met verbrannt.“ Schadenfreude ist bekanntlich die größte Freude. Wenn es die kleinen Leute trifft, sollen auch die hohen geistlichen Herren nicht verschont bleiben.
Ja, so ist es, das fromme Völkchen der Eifel.

Nun schlug man in der Runde vor, dass jeder sein persönliches Lebensmotto kundtat. Die Jugend war sich einig: No risk, no fun. Die ältere Generation hat die Nase voll von Risiko und von Spaß ebenfalls. Sie hat die Erfahrung gemacht. „Das Leben ist kostbar, gehe vorsichtig damit um.“ Anschließend wurde Einstein zitiert: „Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die du für Geld bekommst.“ Johannes,  Patriarch der Familie, hält Geld jedoch für das wichtigste Lebenselixier. So hat er seinem Nachwuchs das Motto eingeimpft: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.“
Sein Filius hält es jedoch eher mit der Ironie: „Spare in der Not, dann hast du Zeit dazu.“ Oma Lieschen hat ihren Wahlspruch eingerahmt im Flur hängen: „Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Wie oft hat sie in ihrem langen Leben sinnend vor diesen tröstenden Worten gestanden!
Ja, so sind sie, die ewig Hoffenden.

Der sangesfreudige Onkel Eduard hat einen alten Schlagertext auf seine Lebensfahne geschrieben: „Sei zufrieden mit dem Heute, wenn es dich auch wenig freut.“ Und schon schmettert er die rührselige Schnulze vom Anfang bis zum bitteren Ende: „Jeder hat doch seine Sorgen, wer nicht Sorgen hat, ist tot.“ Die stets heitere Tante Emma überrascht mit dem Motto aus ihrem Poesiealbum aus Mädchentagen: „Lebe lustig, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh.“

Ja, so sind sie, die Lebenskünstler unter uns.




Mittwoch, 8. November 2017

Der heilige St. Martin

Der 11. November ist der Namenstag des heiligen St. Martin

Schon ab dem 7. November ziehen in den Gemeinden, die das Andenken an diesen Heiligen hochhalten, die Martinszüge. Ich erinnere mich sehr gern daran, ich stamme aus Düsseldorf. Aus der Eifel berichtet Sophie Lange darüber


Der Martinsumzug zum 11. November gehört wohl zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Stolz marschierten wir mit unserer aus einer Rübe geschnittenen Laterne durch die dunklen Straßen. Aber es gab auch Enttäuschungen. So sangen wir jedes Jahr voller Überzeugung: “Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind ...“ Doch nie fiel je eine einzige Schneeflocke zu Ehren des Heiligen. Wenn wir weiter schmetterten „ ... sein Ross das trug ihn fort geschwind“, so stimmte das auch nicht. Denn der schwere Ackergaul, den der Heilige sich bei einem Dorfbauern ausgeliehen hatte, schleppte sich nach einem harten Arbeitstag mühsam Tritt für Tritt über Stock und Stein. Nichts von einem rasenden Pferdegalopp zu bestaunen. Doch nach dem Umzug durchs Dorf entschädigte ein Weckmann mit Tonpfeife und Korinthenaugen für den fehlenden Schnee und das entfallene Pferdeevent. Sankt Martin höchstpersönlich überreichte jedem Kind einen kleinen Mann aus süßem Weck. Dass man dem Weckmann heute die Pfeife streitig machen will, betrübt das Traditionsmännchen. Es raucht doch gar nicht, es tut nur so.
Mit Inbrunst sangen wir besonders das alte Lied: „Der hellige Zinte Mäten, dat es ne gode Mann.“ Das Lied erinnert an die Zeit, als das Martinsbrauchtum - Umzug und Feuer  -  noch nicht organisiert war. Kinder zogen in kleinen Gruppen durch die Straßen mit ihren „Fackele“. Jugendliche kümmerten sich um lokale Martinsfeuer, wobei es häufig zu Streitereien „rivalisierender Gruppen“ kam. Dann gab es oft wilde Schlägereien. Und nur so ist die Refrainzeile Butzwidibutz - „Butz, wider Butz“ zu verstehen, Schlag wider Schlag, wie du mir so ich dir, Aug um Aug, Zahn um Zahn.  Schon manche harmlose Rauferei ist bei dem Feueranzünden oder der Feuerwache in eine handfeste Prügelei ausgeartet. Schließlich nahmen Lehrer sich des Problems an, organisierten die traditionellen Umzüge und die Martinsfeuer und sorgten dafür,  dass Butz wider Butz-Schlägereien  unterblieben.

Beim Rundgang durch die Straßen erbettelten die Kinder an den Häusern Heischegaben. Dabei trugen sie in einer Art Sprechgesang vor:

Hier wohnt ein reicher Mann,
der uns was geben kann.
Viel soll er geben,
lange soll er leben,
lasst uns nicht zu lange stehn
denn wir müssen weiter gehn.

In einem Bericht der Dichterin Clara Viebig zum Martinsabend am Niederrhein von 1894 sind schon diese Zeilen aufgeführt und sie haben sich bis heute erhalten.

Dass Martin wirklich ein guter Mann war, zeigt sich daran, dass er oft wie in dem obigen Lied doppelt-gemoppelt heilig gesprochen wird, denn Sankt oder Zinte heißt ja nichts anders als der Heilige: Der heilige Heilige Martin. Ja, „ene gode Mann“ kann nie heilig genug sein!

In der Erinnerung singen wir leise vor uns hin:

Der hellige Zinte Mäeten,
dat es ne gode Mann,
der gitt de Kenger Käezche
un stich se selver aan.
Butz butz butzwidibutz,
dat es ne gode Mann;
Der hellige Zinte Mäeten
gitt, wat'e gevve kann.

Der hellige Zinte Mäeten,
der kütt och hück zo us,
dröm go'mer met de Fackele,
et freut sich Kleen un Gruß.
But butz butzwidibutz,
der Summer der es us.
Der hellige Zinte Mäeten,
der kritt de letzte Struuß.

Der hellige Zinte Mäeten,
der rick lans jede Dür
un sähnt do Hus on Hätze
de Früut  en Schobb un Schür.
(Frucht in Schober und Scheune)
Butz butz butzwidibutz
hä brengk et Wenkterfür,
der hellige Zinte Mäeten
hält Minsche wärm un Dier.

Der hellige Zinte Mäeten
kütt immer huh zu Päed;
hä steht en huhe Ihre
em Himmel un ob Äed.
Butz butz butzwidibutz
d'n Düvel trifft sii Schwäet;
der hellige Zinte Mäeten,
der es wal lobenswäet.

Freitag, 27. Oktober 2017

Das ist mein Platz

Wie beschämend ist es, wenn man mit diesen Worten von einem Platz verwiesen wird. Dazu hat Sophie Lange uns eine Geschichte geschrieben.


Gerangel beim Stuhlkreis in der Kita. „Das ist mein Platz“, verteidigen Kinder ihren Lieblingsplatz, direkt neben der besten Freundin oder dem liebsten Freund. Erst ein Spiel bringt etwas Ruhe unter die Kleinen. Die Erzieherin stellt einen leeren Stuhl in die Runde. Das Kind links davon klopft nun auf den Sitz und sagt: Mein rechter Stuhl ist leer, ich wünsche mir...her. Und nennt einen Namen. Das genannte Kind wechselt nun den Platz. Nicht immer gerne. Die Spielregel sagt, dass es wie ein Tier kommen kann, z. B. ein Elefant, ein Känguru oder eine Schlange. Das erleichtert etwas den Platzwechsel. 
Bei der Einschulung dürfen die Kinder sich ihren Platz zwar aussuchen – natürlich neben einem Kind, das sie bereits kennen - aber schon bald ändert die Lehrperson die Sitzordnung, eben so wie sie es für sinnvoller hält. Gar nicht so einfach, seinen Platz selbst zu bestimmen und zu verteidigen, in der Schule, im Beruf, in der Familie, im Leben.
Der Mensch hat seit Urzeiten um seinen Platz gekämpft. Das fing wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt an, als die Menschen feststellten, dass sie Samen in die Erde streuen konnten und neue Früchte heranwuchsen. Nun brauchten sie nicht mehr als Nomaden durch die Weltgeschichte umherzuziehen. Sie wurden sesshaft, suchten sich ein fruchtbares Stück Land auf Mutter Erde aus, Zaun drum herum und: Das ist mein Platz. Wehe, wenn jemand die Grenze überschritt. Dann wurden die Fäuste geschwungen, es gab Streit, Nachbarschaftsstreit
Aber zurück zum Stuhlkreis. Allerdings nicht mehr in die Kita, sondern in die Seniorenstunde im Pfarrheim. Hier hat auch jeder seinen festen Platz und wehe, wenn ein anderer, etwa ein Neuling, sich erdreistet, diesen Platz einzunehmen. Das gibt Zoff in der Bude. Da wackeln die Bilder an den Wänden. „Das ist mein Platz und mein Nebenmann ist und bleibt mein Nebenmann“, pocht eine „Alteingesessene“ mit hochrotem Kopf  und dröhnender Stimme auf ihr Recht. Das ist zwar kein gesetzlich-verbrieftes Recht aber ein Gewohnheitsrecht und das zählt gewohnheitsgemäß doppelt und dreifach.
Nun kann die Gruppenleiterin nicht wie bei den Kleinen zum Spiel aufrufen „mein rechter Platz ist leer,“ - wir sind doch hier nicht im Kindergarten! – sondern appelliert an die Vernunft, die sich ja in einem gewissen Alter einstellt oder zumindest einstellen sollte. Mit etwas Diplomatie ist auch bald Ruhe im Karton, vielmehr im Kreis und friedlich-fröhlich singend beginnt die Seniorenstunde mit dem alten Volkslied:

Wir sitzen so traulich beisammen
und haben einander sooo lieb, ja so lieb.
Wir erheitern einander das Leben,
ach wenn es doch immer so blieb.


Freitag, 20. Oktober 2017

Kastanien in der Hosentasche

Es ist Herbst und hier ist eine weitere Herbstgeschichte
von Sophie Lange

„Hast du etwas verloren?“ Marlies zuckt zusammen. Von hinten hat Susanne sie angesprochen.
„Hast du mich erschreckt.“ Marlies schießt giftige Blicke auf die Ruhestörerin. „Musst du dich immer so anschleichen?“
„Du schaust so gebannt auf die Erde“, entschuldigt sich Susanne und fuchtelt beschwichtigend mit ihrem Gehstock. „Suchst du den Tag von gestern?“
„Mensch, ich suche Kastanien“, erklärt Marlies, noch immer etwas verärgert.
„Da liegen ja hier unter der alten ausladenden Rosskastanie massenhaft 'rum“, schaut Susanne nun auch auf den Boden, und stochert mit ihrer Gehhilfe in einen angewehten Haufen Laub. Es raschelt, es staubt, es riecht nach Erde, nach modriger Herbsterde. Und jede Menge Kastanien werden sichtbar: Manche niedlich-klein wie eine Stachelbeere, andere in der Größe einer Sauerkirsche oder einer Cocktailtomate. Besonders schön sieht eine Frucht aus, die noch halb in ihrer Schale ruht. Ein harter Kern in einer harten stacheligen Hülle!
„Die wird meinen Herbsttisch schmücken,“ greift Marlies mit einer Behändigkeit zu, die man ihr in ihrem Alter gar nicht zugetraut hätte. „Jetzt  brauche ich aber noch ganz schöne, glänzende,“ fährt sie fort.
„Und was willst du damit?“ Susanne ist wie immer neugierig, oder - wie sie es nennt - wissbegierig.
„Die stecke ich in meine Hosen- und Manteltasche, wenn du es genau wissen willst“ macht Marlies kein Geheimnis aus ihrer Suchaktion.  
„Und was soll der Schwachsinn?“ Susanne schüttelt den Kopf.
„Hast du noch nie gehört, dass Kastanien vor Rheuma und Gicht schützen?“ Marlies lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Susanne lacht. „So 'nen Humbug glaubst du doch nicht wirklich!“
Nun sieht Marlies sich genötigt, Aufklärungsarbeit zu leisten. So doziert sie: „Die Rosskastanie ist schon seit dem Mittelalter wegen ihrer heilenden Wirkung bekannt. Die Rinde gilt volkstümlich als Fiebermittel. Und bei Krampfadern werden Kastanien seit jeher eingesetzt.“
„Ja gut, das mag ja stimmen“, rudert Susanne den „Humbug“ etwas zurück, „aber dass Kastanien Heilkräfte entwickeln, nur, wenn man sie in der Hosentasche mit sich rumschleppt - das glaube ich nicht.“ Nach kurzer Gedankenpause muss sie dann jedoch zugeben: „Aber der Glaube soll ja bekanntlich Berge versetzen.“ Und da sie schon einmal dabei ist, zitiert sie gleich ein anderes Bibelwort: „Wer glaubt, wird selig.“ Dabei fällt ihr ein, dass ihre Oma immer sagte: „Wer glaubt wird selig, wer backt wird mehlig.“ Die Erinnerung lässt sie herzhaft lachen.
Marlies findet das gar nicht lustig und erklärt ernst: „In der Hosentasche entwickelt die Kastanie wohltuende Wärme, die Gelenkschmerzen lindert. Außerdem kann man die runde Frucht mit der glatten Oberfläche als „Handschmeichler“ nutzen und in der geschlossenen Hand hin und her drehen. Das beruhigt.“
Marlies bückt sich – mühsam – hebt eine wohl geformte tiefbraune Kastanie auf, reibt sie sorgfältig am Jackenärmel bis sie glänzt wie eine polierte Zauberkugel, betrachtet sie gedankenverloren einige Sekunden lang und steckt sie dann in die Hosentasche.
„Wenn sie nicht helfen“, sagt sie nachdenklich, „so bergen Kastanien in der Hosentasche zumindest keine Risiken und Nebenwirkungen.“
Das überzeugt Susanne und nun sucht sie ebenfalls einige Herbstfrüchte und lässt diese in die Jackentasche verschwinden. Heimlich, verschämt.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Wenn die Kraniche ziehen


Der Lärm kommt näher. Ein Riesenspektakel. Die Großeltern sind mit ihren Enkeln Hannes und Felix auf einem Spaziergang unterwegs. Oma hält sich die Ohren zu. „Oh Gott, das himmlische Strafgericht. Das kommt doch von oben mit Pauken und Trompeten.“ Sie blinzelt in die grelle Sonne. Weiße Gestalten segeln durch die Luft. „Oh Gott, Engel, jede Menge Engel“, kreischt Oma. 
„Nun lass Gott aus dem Spiel und die Engel auch“, beruhigt Opa. „Das sind Kraniche, Hollergänse sagen wir hier in der Eifel dazu. Sie fliehen vor der Kälte in den warmen Süden.“
„Woher wissen die Vögel denn den Weg?“, will der 10jährige Hannes wissen. „Da oben stehen doch keine Wegweiser.“
Der Opa erklärt gerne: „Hauptsächlich orientieren sie sich an unterirdischen Magnetlinien. Dann beobachten sie aber auch den Sternenhimmel mit dem Polarstern sowie die Sonnenauf- und untergänge. Außerdem merken sie sich Gebirgszüge, die in Nord-Südrichtung verlaufen. Und dann ist da noch der Heimatinstinkt, der schon manchem Tier den Weg nach Hause finden ließ.“ Die Kinder nicken. Solche Geschichten haben sie schon über Hunde und Katzen gehört. 
„Und wieso hat der Mensch nicht so einen Instinkt?“, wundert sich der kleine Felix.
„Eine gute Frage“, antwortet Opa. „Vielleicht hat der Neandertaler noch instinktiv zu seiner Höhle zurückgefunden. Heute braucht der Mensch Landkarten, Straßenkarten, Routenpläne und Navigationsgeräte, um sich zurecht zu finden.“
Felix weiß aber auch: „Mama hat ein Navi im Auto und verfährt sich trotzdem immer.“ Das will nun niemand kommentieren. 
Oma weiß etwas aus ihrer Kindheit zu berichten. „Wir haben den Vögeln immer zugerufen: Krunekrane, wisse Fahne! Es sieht doch tatsächlich so aus, als wenn zig Fahnen im Wind wehen.“ Den Ruf probieren die Kinder nun gleich aus. Sie winken den Reisenden der Lüfte zu: „Krunekrane, wisse Fahne, Krunekrane, wisse Fahne...“
Und Oma fällt mit ein: „Krunekrane wisse Fahne...“ 
„Anfang Oktober ist eigentlich noch zu früh für den Kranichzug,“ überlegt Opa. „Nach altem Wetterglauben zeigt das einen frühen und strengen Winter an. Die eigentliche Flugzeit setzt man zwischen den 20. Oktober und den 10. November fest. Aber Kraniche haben ihr spezielles Timing.“ Oma kennt eine andere Wetterregel: „Man soll beim ersten Kranichflug die Vögel zählen. Ihre Anzahl sagt voraus, wie viele Sonnentage der Herbst bringt.“

 Das ist nun ein Stichwort für die Kinder. Sie laufen dem Zug hinterher. „Eins, zwei, drei“, zählen sie die keilförmige Spitze. „Vier, fünf...“ geht es dann die grade Linie weiter. Doch sie sind kaum bei 15 angekommen, als Leben in den bisher ruhigen Zug kommt. Einige Vögel lösen sich vom Ende, überholen links – wie sich das gehört – und drängen sich rücksichtslos irgendwo vorne dazwischen. Das lassen die „Betroffenen“ sich nicht gefallen. Wildes Gewusel und aufgeregtes Gezeter!
„Jetzt sind wir durcheinander gekommen“, ärgern sich die Kinder.
„Schade!“ bedauert die Oma. „Jetzt wissen wir nicht, wie der Herbst wird.“
„Zumindest ist aber schon der kommende Winter geklärt“, erinnert Opa. 
Aber das will jetzt noch niemand so genau wissen.
von Sophie Lange