Freitag, 16. März 2018

Das zweite Ich

von Anne Pöttgen
Ich wohne im Haus am Kirchberg in einer Zweiraumwohnung plus Küche, Diele, Bad, Balkon. Das reicht für eine Person. Seit einiger Zeit habe ich allerdings das Gefühl, dass da außer mir eine zweite Person wohnt - definitiv eine Frau. Woran ich das merke? Meine Cremes, Tag und Nacht, teuer, sind viel schneller zu Ende als früher. Meinen Föhn benutzt sie auch – gut das ist nicht so schlimm, das kostet nix.  Aber könnte sie ihn nicht gefälligst dahin legen, wo er immer liegt. Ist blöd, wenn ich mit nassen Haaren da stehe und muss den Föhn suchen.
Zuerst habe ich es bemerkt, weil hin und wieder eines meiner Wassergläser verschwunden war. Wer klaut schon Wassergläser bei mir? Hingefallen, zerbrochen – Abfalleimer? Nicht dass ich wüsste. Inzwischen habe ich bereits zum dritten Mal eine Viererserie gekauft, darüber hinaus vier aus buntem Glas, haben mir sehr gut gefallen, nun ist nur noch eins da. Freundinnen, denen ich andeute, dass da was „weggekommen“ ist, lachen und meinen – hingefallen, zerbrochen … siehe oben.
Da ist auch die Sache mit der Schokolade. Gut, hier und da ein Stückchen – geschenkt. Aber ausgerechnet am Wochenende ratzeputz alles weg? Wie finden Sie das?
Ich frage mich natürlich auch, was sie an meinem Schreibtisch zu suchen hat. Was macht sie zum Beispiel mit meinen Kugelschreibern? Verkauft sie die bei E-Bay? Warum trägt sie das angelesene Buch vom Wohnzimmer in die Diele? Manchmal verschleppt sie es auch ins Schlafzimmer – oder umgekehrt. Will sie mich ärgern? Und was soll das mit meinem Kleidern? Plötzlich fehlt eine Bluse. Eine der weißen. Oder die schöne alte blaue Strickjacke? Gefällt sie ihr so gut? Na, soll sie sie haben. Aber dann versteckt sie sie in einer Tasche, die für die Altkleidersammlung gedacht ist.
Auch vor meiner Brieftasche macht sie nicht Halt. Ich habe mir schon überlegt, dass ich sie so austricksen werde, dass ich jeweils nur einen Fünfziger hinein lege statt mehrerer. Dann weiß ich genau, dass sie es war, die …
Das ist alles irgendwie unschön. Wenn sie wenigstens mal spülen würde, den Müll raustragen oder die ausgelesenen Zeitungen entsorgen würde … Aber nein, sie macht sich das Leben leicht.


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