Freitag, 20. April 2018

Die Tattsch-Kautsch (???)


von Sophie Lange

Ich weiß, liebe Leser und Leserinnen, die Überschrift ist falsch geschrieben. Der Ausdruck ist ja Englisch und richtig ist: touch-couch. Wörtlich übersetzt heißt es „Berühr-Liegesofa“. Hierzulande spricht man das Wort jedoch nicht englisch sondern lautsprachlich hart und breit und mit Doppel-T aus: Tattsch-Kautsch. Was für ein knackiges Wort! Doch nun von Anfang an, die Geschichte von der Tattsch-Kautsch.

„Du brauchst eine neue Couch“, sagten meine beiden Töchter eines Tages. Ich fand mein altes Möbelstück zwar noch ganz passabel, aber wenn meine Töchter das sagten, musste es wohl stimmen. Nun ist Einkaufen nicht gerade meine Leidenschaft, aber meine Töchter beruhigten mich. Sie würden das übernehmen. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern, nur bezahlen. So wurde das alte Stück eines Tages vermessen und dann machten die beiden sich auf den Weg zum Möbelzentrum. Zweieinhalb Stunden haben sie gebraucht, bis sie die ideale Couch gefunden hatten, erzählten sie abends. „Dafür ist es aber auch etwas ganz Besonderes“, versprachen sie. Eine Überraschung! Ich war gespannt wie ein Flitzebogen.

Zwei Wochen später rief das Möbelgeschäft an. „Ihre Wohnlandschaft ist lieferbar“, säuselte eine geschulte Frauenstimme. Wohnlandschaft? War nicht von einer Couch die Rede gewesen, von einem einfachen Sofa? Doch zum Überlegen kam ich nicht. Denn schon nannte die Dame am Telefon  einen Liefertermin: Donnerstag, acht Uhr. „Nachts?“ fragte ich zweifelnd; denn morgens um acht ist für mich mitten in der Nacht.
„Morgens natürlich!“ kam die schnippische Antwort. Ich sah praktisch durchs Telefon, wie die junge Dame die Augen verdrehte. Immer diese umständlichen alten Leute! Doch dann bemühte sie sich wieder um professionelle Höflichkeit: „Geht das für Sie in Ordnung?“ fragte sie mit Schmalz in der Stimme.
„Ja natürlich!“ zickte ich sch... freundlich. Dann beiderseits ein „Dankeschön“ und Schluss mit lustig.

Die Firma war pünktlich. Muss man ihnen lassen. Zwei Kerle, einer ganz jung, der andere gutes Mittelalter, kräftig wie Baumstämme standen Punkt acht Uhr vor der Tür, stellten sich und die Firma vor. „Wir bringen die Couch.“ Dann ein Blick auf den Lieferblock. „Wir sollen die Alte mitnehmen!“
„Die alte Couch“, stellte ich vorsichtshalber klar, damit da bloß keine Verwechslung vorkam. Ich führte die Möbelpacker ins Wohnzimmer. Die beiden zogen wie hundertfach praktiziert je einen Schraubenzieher aus einer der zahlreichen Beuteltaschen ihrer Arbeits-Latzhosen, ruck-zuck war meine traute Abendentspannung in vier Teile zerlegt, ruck-zuck rausgetragen. Wir hatten nicht mal Zeit, uns zu verabschieden. „Tut mir leid!“ flüsterte ich ihr leise hinterher.

Nach einem prüfenden Blick im Flur schoben die beiden Kerle das Schuhregal in eine Ecke, das Schränkchen durch die nächste Tür ins Badezimmer. Noch mal ein prüfender Blick, dann kam auch schon - in eine Plastikfolie eingemummelt - die Neue angeflogen, Farbton so zwischen karmin- und ochsenblutrot. Entspannungs-Farbe pur! Schon stand sie im Wohnzimmer, ein Teppichmesser ratschte die Verhüllung auf, die Couch wurde in die richtige Position geschoben, mittels mehrerer Verlängerungskabel an das Stromnetz angeschlossen, und schon ließen die Möbelpacker sich auf den Zweisitzer plumpsen. 

„Hier in den Seitenspalten sind die vier Sensoren, zwei für das Rückenteil, zwei für das Fußteil“, erklärte der Ältere, der fürs Reden zuständig war. Ein Nicken zu seinem Nachbarn und im Gleichtakt sank das Rückenteil des Zweisitzers nach hinten, weit nach hinten, dann kam es wieder in die Ausgangsposition. Dasselbe jetzt vorne. Beine hoch! Beine runter!
Ich sah, staunte mit offenem Mund. „Alles okay!“ bestätigten die Männer. Der Boss zog die Rechnung hervor, ich hatte bereits die Bankkarte in der Hand, da eine Unterschrift, hier eine Unterschrift, jedem ein Trinkgeld in die Hand gedrückt, Folie zusammengerafft und weg waren sie. Der Spuk hatte kaum eine viertel Stunde gedauert. Ich schickte eine Nachricht an die Familien-App: „Couch ist da. 18 Uhr Probelauf.“ Ich ging wieder ins Bett, meinen geraubten Morgenschlaf nachzuholen. Die Couch konnte sich derweil akklimatisieren.

Und dann kamen sie alle. Meine beiden Töchter hatten sich beim Kauf ausführlich informieren lassen und führten das gute – teure - Stück jetzt fachmännisch vor. „Ganz easy, man kann die Couch in verschiedene Positionen bringen, nur die Touchpunkte in der Seitenspalte berühren; extra leicht für ältere Menschen.“ Es sah wirklich ganz einfach aus, wie sie nach einigem Manövrieren in eine Liegeposition gelangten. „Bequem zum gemütlichen Fernsehgucken!“ wurde mir versichert. Und dann kam ich dran. Ich auf dem einen Sitz, mein Enkel auf dem anderen. Ich fand nach Anweisung die Sensoren in der Spalte, drückte mal irgendwo, aber nichts geschah. „Der andere Knopf“, wurde ich angewiesen. Und jetzt ging es tatsächlich los. Mit einem rasanten Tempo ging das Rückenteil nach hinten, dann senkte sich noch das Kopfstück, ich hing zwischen Himmel und Erde, stierte zur Zimmerdecke und schrie wie am Spieß: „Hilfe! Mama! Hilfe!“ Meine Mutter ist seit über zwanzig Jahren tot, aber ich schreie in lebensbedrohlichen Situationen wie diese immer noch „Mama“. „Loslassen, loslassen“ schrien meine Töchter. Ich folgte brav und tatsächlich stoppte das Ungeheuer. „Nicht drücken, nicht anhalten, nur leicht berühren, tattschen“, wurde mir erklärt. Ich suchte einen anderen Tattschpunkt und kam tatsächlich in Normalposition.

Weiter ging's. Jetzt die vorderen Knöpfe für die Beine. Ich fand auf Anhieb den richtigen Tattscher. Geht doch! Ganz easy! Nun hob sich das Unterteil mit meinen Beinen wie von Geisterhand. Doch dann stand plötzlich der Couchtisch im Wege. Meine Füße darunter hoben ihn hoch, hoch in die Luft. Ich schrie – siehe oben. Meine Töchter schrien – siehe oben, stürzten herbei, brachten den Tisch in Sicherheit. Ich suchte verzweifelt an den Tattschdingern, fuhr rauf, runter, ließ los, tattschte. Endlich fand ich den richtigen Sensor und konnte mit Hildegard Knef singen: Von nun an ging's bergab! Schließlich hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Punktgenaue Landung! Applaus!

Mein Enkel war indessen mehrmals rauf und runter gefahren, sowohl mit dem Rückenteil als mit dem Vorderteil, einzeln oder beide zusammen. Ohne jede Schwierigkeit, ohne jede Art von „Berührungsängsten“. „Cooles  Teil!“ stellte er bewundernd fest. Und nun probierten alle einen Probelauf an der Tattsch-Kautsch, mal mehr, mal weniger gekonnt. Doch alle waren sich einig: Cool! Mir war es allerdings bei meinem Probelauf nicht cool sondern siedend heiß geworden.

Kommentare:

  1. Und ich dachte immer, das Wort 'Sensoren' hätten eher was mit 'sensibel'zu tun ... hm, vielleicht hätte es der Gebrauchsanweisung gut gestanden, wenn man den Sensoren für Senioren ein 'sensitiv' vorangestellt hätte?
    Mein ja nur ... lach*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Gitta Rina,
      die Couch-Sensoren sind vielleicht zu sensitiv für sensible Senioren.
      Lieber Gruß
      Eifelmatrone

      Löschen
  2. Ich habe so gelacht. Ein gutes Beispiel dafür, dass das Gegenteil von "gut" manchmal "gut gemeint" ist. 😃

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, lieber Leselux für "gut gemeint".

      Löschen
  3. Wer hat nicht schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Nicht ganz so spektakulär - aber doch ärgerlich.

    AntwortenLöschen

Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.
Beide Links auf der Seite Datenschutz