Freitag, 15. Juni 2018

Was sollen denn die Leute sagen!


von Sophie Lange

Sie hatten eine große Macht in unserer Jugend: Die Leute. Denn wenn man  ein bisschen neben der festgesetzten Spur ging, etwas aus der Reihe tanzte, dann hieß es gleich: Was sollen denn die Leute sagen! Die Leute! Das waren auf dem Land das ganze Dorf, in der Stadt gehörten dazu Nachbarn, Verwandte, Kollegen, Bekannte. Manchmal hieß es auch: „Was sollen denn die Leute denken.“ Denken! Noch schlimmer als „sagen“, obwohl man das nun wirklich nicht beeinflussen kann.

Mir fällt folgende Geschichte ein. Wir Mädchen hatten uns lange Hosen gekauft, was damals noch nicht in Mode war. Stolz trugen wir diese wie Models. Die Erwachsenen waren entsetzt: „Ihr seid doch Mädchen und keine Jungs. Was sollen denn die Leute sagen! Ausziehen! Aber dalli!“ Nun war es uns eigentlich piepschnurzegal, was die Leute sagten, aber brav gehorchten wir - nach außen hin. Die Hosen wurden trotzdem angezogen – allerdings nur heimlich.

In der Schule – eine Mädchen-Klosterschule - war es streng verboten, mit einer Männerhose das Schulgelände zu betreten. So war jeden Morgen dasselbe Schauspiel zu beobachten. Vor dem Schultor holten wir aus unseren Schultaschen einen langen Rock und zogen diesen über die Hose an, mit der wir uns frühmorgens aus dem Haus geschlichen hatten. Nach Schulschluss dann das Ganze umgekehrt. Modern behost schritten wir dann durchs Städtchen zum Bahnhof, von dem aus wir nach Hause fuhren.

Das Problem „Was sollen denn die Leute sagen“ ist nicht neu. Bereits in dem Volkslied „Horch was kommt von draußen rein“ aus dem 19. Jahrhundert findet es Erwähnung. Da heißt es in der zweiten Strophe:

Leute haben oft gesagt,
was ich für ein Liebchen hab!
Lass sie reden, schweige still,
kann ja lieben, wen ich will.

Hier erfahren wir die Lösung, um den Ärger nicht in uns rein zu fressen: Lass sie reden! Einfach reden lassen, die lieben Leute, und sich nicht darum kümmern.


In dem Buch „Rheinlandstöchter“ (1898) von Clara Viebig (1860-1952) unterscheidet sich Nelda von den anderen jungen Damen; sie will sich nicht den „Zwängen der Gesellschaft“ unterordnen und so fragt sie: „Kann ich nicht einfach so sein, wie ich will?“ Nein, liebe Nelda, das konnte man damals nicht. Was sollen denn die Leute sagen! So waren die Frauen meist angepasst und lebten so, dass alle mit ihnen zufrieden waren. Nelda aber geht ihren eigenen Weg, versucht aber auch, ihre Mutter zu verstehen und entschuldigt sie: „Meine Mutter gibt sehr viel auf das, was Menschen sagen.“ Als Nelda in ihrer Heimatstadt Koblenz ins Gerede kommt, fährt sie zur Erholung und „zur Kräftigung der Nerven“ zu ihrem Onkel in die Eifel. Doch da ist es nicht anders als in der Stadt. Wer gegen allgemein übliche Dorfregeln verstößt, über den reden die Leute - natürlich meist „hintenrum“. Nelda bekommt den guten Rat eines selbstbewussten Mädchen: „Wat de Leut sagen, dadran muss mr sich net kehren (kümmern)!“


Übrigens:
Zum Glück wissen meine lieben Mitmenschen nicht, was ich als „Leute“ von ihnen denke, nämlich: „Ihr habt doch alle ene Ratsch im Kappes.“ (wörtliche Übersetzung: Riss im Kohlkopf; frei übersetzt: Sprung in der Schüssel oder nicht alle Latten am Zaun oder nicht alle Tassen im Schrank haben.)

Kommentare:

  1. In meiner Kindheit und Jugend interessierte in unserer Familie kaum jemand, was die Leute sagten. Vielleicht lag es daran, dass wir nur "Zugezogene" waren und/oder an der schon damals toleranten Einstellung meiner Eltern. Ich hoffe, ich habe auch meine Kinder davon verschont habe. Dass das Thema in der heutigen Zeit trotzdem noch topaktuell ist, zeigt sich in dem Lied "Lasse redn" von der Pop-Rock-Band "Die Ärzte", die nicht nur das Problem in seinen heutigen Facetten beschreibt, sondern auch Ursachen dafür nennt und Ratschläge zum Umgang damit gibt:

    Lass die Leute reden und hör ihnen nicht zu!
    Die meisten Leute haben ja nichts Besseres zu tun.
    Lass die Leute reden bei Tag und auch bei Nacht.
    Lass die Leute reden, das haben die immer schon gemacht.

    Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin,
    sie meisten Leute haben ja gar nichts Böses im Sinn.
    Es ist ihr eintöniges Leben, was sie quält,
    und der Tag wird interessanter, wenn man Märchen erzählt.

    Lass die Leute reden und lächle einfach mit ...
    bleib höflich und sag nichts, das ärgert sie am meisten.


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  2. Lieber Leselux, vielen Dank. Das ist ja sehr interessant, dass das Thema heute noch aktuell ist. Das hatte ich mal wieder gar nicht auf dem Schirm. Zum Glück gibt es jüngere Leute, die so etwas wissen.

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  3. Eine treue Leserin der Seniorenstories erinnerte sich bei dieser Geschichte an den Spruch: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt's sich völlig ungeniert!

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  4. Bei uns hieß es schlicht und ergreifend: "Sooo gehst Du mir nicht aus dem Haus, wir sind ja schließlich keine Hottentotten!"
    Gibt es die "Hottentotten" eigentlich noch im Sprachgebrauch? Keine Ahnung, habe es nie wieder gehört.
    Ab und zu wurden auch mal die "Zigeuner" als Vergleich genommen und am schlimmsten fand ich schon damals den Vergleich mit "denen von Drüben", das waren die nach dem 2. Weltkrieg geflüchteten Menschen aus den Ostgebieten.

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  5. Liebe Gitta, zum Glück können wir heute selbst entscheiden, was wir anziehen, was wir tun, was wir wollen.

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