Freitag, 25. Mai 2018

Das Neueste, Teil eins

von Anne Pöttgen

„Das Neueste …“, Margret beugt sich leicht vor, als wollte sie vermeiden, dass man an anderen Tischen mitbekam, was sie zu sagen hatte.
„Erzähl schon.“
„Mach‘s nicht so spannend.“
„Es ist spannend“, Margret betonte jedes einzelne Wort. „In unserer Tiefgarage hat man …“ Schon wieder eine kleine Pause. „Hat man – eine Leiche gefunden.“
Das war wirklich spannend, nämlich – die Todesursache.
„Schlaganfall?“, fragte Johanna.
„Herzinfarkt wahrscheinlich,“ meinte Susanne.
„Mord!“ Ein Wort genügte, um alle sprachlos zu machen. Selbst Irmtraud fand keine Worte, fing sich dann aber und wiegelte ab: „Mord. Nicht hier im Haus am Kirchberg. Und im Übrigen, woher weißt du davon?“
Margret wiegte ihren Kopf, blickte zu Seite und sagte: „Ich höre Vieles, was im Haus passiert.“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage,“ Irmtraud sah Margret strafend an. Irmtraud war so etwas wie die Wortführerin der Viererrunde, die sich des Öfteren in der Cafeteria des Hauses traf. Sie konnte sich Strenge im Umgang erlauben.
„Na, ja, ich habe gehört, wie im Sekretariat getuschelt wurde, es fiel auch das Wort ‚Polizei‘“
„Dann könnte es stimmen.“ Susanne war schon fast überzeugt.
Jetzt meldete sich Johanna zu Wort: “Ich bin vorgestern am Sekretariat vorbeigekommen und habe einige Herren herauskommen sehen. Der Geschäftsführer war auch dabei.“
„Polizei. Kriminalbeamte. Jetzt geht’s los.“ Das war Irmtrauds Meinung, klipp und klar.
„Was geht los?“, fragte Susanne.
„Na, was wohl?“ Irmtraud guckte streng. „Ver-hö-re!“
„Wie? Warum? Was meinst du?“, Johanna.
„Irgendwer muss es ja gewesen sein“, Susanne hatte die Situation erfasst. Sie lehnte sich zurück und sah in die Runde, als suchte sie bereits den Täter unter den Kaffee trinkenden netten alten Leuten an den Nebentischen..
„Hier aus dem Haus? Niemals!“ Johanna strich energisch ihre silberweißen Haare nach hinten. „Nein, niemals. Und wir wissen doch auch gar nicht, wie es passiert ist.“
„Mi einem stumpfen Gegenstand, vermute ich mal. Und die gibt es in der Tiefgarage genügend, da hat doch auch der Gärtner seine Werkzeuge.“ Irmtraud.
„Aber es kann doch auch jemand von draußen gewesen sein.“ Johanna.
„Und wie soll der oder die in die Garage gekommen sein? Die ist doch sicher abgeschlossen.“ Margret.
„Von wegen, in die kann jeder rein – muss allerdings erst mal ins Haus kommen.“  Irmtraud, die ihren Mercedes dort stehen hatte.
„Ja, und wie kriegen wir raus, wer’s war?“ Johanna.
„Gar nicht, liebe Johanna. Oder willst du durchs Haus gehen und Leute befragen? Absurd.“ Irmtraud.
„Erst einmal müssen wir erfragen, wer überhaupt ermordet worden ist, dann ergeben sich schon Ansatzpunkte. Ich wohne seit langen Jahren hier im Haus, ich weiß ‚wer mit wem‘ oder ‚wer gegen wen‘.“ Margret. Es war ihr Fall und sie wollte ihn lösen.
Da gab es schon eine erste Schwierigkeit: Wem konnte man das Geheimnis entlocken? Man erfuhr ja nicht einmal, wenn eine Nachbarin krank geworden war und in der Pflegeabteilung verschwand. Erst recht nicht, dass jemand verstorben war. Da musste man sich auf die Kondolenzmappe verlassen, die aber nicht immer komplett war. Und darauf würde man auch in diesem Fall vertrauen müssen. Also wurde die große Lösung vertagt und alle beschlossen, Augen und Ohren offen zu halten. Man wusste ja nicht einmal, wann DAS passiert war.
Tage später. „Hach, ich wusste es doch!“
„Was?“
„In der Mappe – aus dem Leben gerissen! Das kann doch nur heißen: Mord.“ Margret war als Erste in der Cafeteria und stand noch, als Susanne und Irmtraud gemeinsam hereinkamen. Nachdem alle saßen: „Nun sag schon – wer?“, Irmtraud.
„Ich kenne sie nicht. Eine Frau Ullrich.“
„Ich dachte, du kennst hier jeden im Haus. Hast du doch neulich verkündet. Aber – ich kenne sie. Nette bescheidene kleine Person. Witwe natürlich. Die Kinder kommen regelmäßig. Schien alles in Ordnung zu sein.“, Irmtraud wusste auch vieles.
Nun saßen erst einmal alle schweigend da; auch Johanna war eingetrudelt, hatte die letzten Worte noch mitbekommen.
„Bescheidene Person, sagst du? Dann kann es ja kaum um Geld gehen.“ Susanne ergriff das Wort.
„Kann man so nicht sagen, manche hier im Haus treten bescheiden auf, haben aber allerhand auf dem Konto.“ Margret. Sie sah sich in der kleinen Gruppe um und grinste ein wenig. Susanne fragte sich, warum. Sie wusste ja nicht, dass sich ihre Freundinnen immer mal wieder fragten, wieso sie sich die teure Wohnung leisten konnte: drei Räume, Westseite, ganz oben.
Aber ob Frau Ullrich tatsächlich so viel Geld hatte, dass es sich für ein Familienmitglied lohnen würde, sie zu ermorden, das fragten sich alle vier nur still für sich. Einen solchen Verdacht wollte man nicht aussprechen. 
„Tja, irgendein Motiv muss es geben“, Margret blieb dran.
„Könnte ja auch ein Unfall gewesen sein,“ gab Johanna zu bedenken. „Weiß denn jemand, wo genau man sie gefunden hat?“ Auch Johanna kannte die Tiefgarage, sie brauchte allerdings keinen Platz mehr, ihr Auto samt Führerschein waren Vergangenheit.
„Wofür soll das wichtig sein?“, fragte Irmtraud.
„Sie könnte ja ausgerutscht und gestürzt sein und unglücklich irgendwo aufgeschlagen.“ Johanna.
Ja, das konnte sein.
„Kommt denn die Polizei auch bei Unglücksfällen? Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Margret wollte zu gern bei Mord bleiben. Allerdings konnten die vielen Männer, die mit dem Geschäftsführer das Büro verlassen hatten, auch Leute aus der Verwaltung sein, das mussten nicht zwingend Polizeibeamten gewesen sein. Das wussten alle, wollten es aber nicht laut sagen, Polizei war interessanter als einfache Angestellte des Hauses.
„Wer mag sie denn gerufen haben?“ Irmtraud.
„Der oder die, die sie gefunden hat. War vielleicht übereifrig.“ Susanne.
„Das kann man wohl sagen. Da rufe ich doch erst einmal jemand von den Pflegekräften …“
„Oder lieber gleich 112 …“
„Und dann melde ich mich bei der Geschäftsführung …“
„Bringt das ganze Haus in Verruf …“     Ende Teil eins

Montag, 21. Mai 2018

Datenschutz

Daten müssen geschützt werden, niemand soll damit Geschäfte machen. Das ist wichtig. Daher habe ich mich jetzt auch auf diesem Blog mit der Datenschutzgrundverordnung ( DSGVO ) beschäftigt. Es gibt im Menü auf der rechten Seite den neuen Punkt "Datenschutz".
Es ergeben sich  also einige Änderungen: In Zukunft kann jeder anonym hier einen Kommentar veröffentlichen, niemand muss seine Daten eingeben, darauf wird bei der Kommentarfunktion hingewiesen. Der Blog wird jetzt unter https, also sicher erreicht. Alles andere spielt sich sozusagen hinter den Kulissen ab - zu Ihrer Sicherheit.
Wenn Sie mehr erfahren wollen, nämlich keine Lust haben 16-DIN-A-4-Seiten durchzulesen, dann schreiben Sie mir eine E-Mail unter annepoettgen@t-online.

Freitag, 18. Mai 2018

Maikäfer flieg




von Sophie Lange

Es gab nicht viele glückselige Momente in meiner Kindheit, in der der Krieg dominierte. Aber an einen erinnere ich mich. Ich hatte meine Kinderhand ausgestreckt und darauf war ein kleiner Käfer gelandet: halbkugelförmig, schwarz. Er bewegte sich nicht. War er tot? „Wir müssen sein Lied singen!“, sagte meine große Schwester, die mich beobachtete. Und so sangen wir:

Maikäfer flieg,
dein Vater ist im Krieg,
deine Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.
Maikäfer flieg.

Und tatsächlich bewegte der kleine Käfer sich, spreizte seine Flügel, wartete das Ende des Lieds ab, dann startete er in den Himmel, auf Suche nach dem Vater im Krieg, nach der Mutter im Pommerland, nach der verlorenen Heimat. Ein trauriges Liedchen.

Erst Jahrzehnte später versuchte ich die Hintergründe zu diesem Lied aufzudecken und fand Fehler und Widersprüchlichkeiten. Zunächst ist es nicht der Maikäfer mit schwarzem Kopf und braunen Flügeln, der vor allem in Laubwäldern an Blättern knabbert, der hier besungen wird. Nein, es ist das Marienkäferchen mit roten Deckflügeln und schwarzen sieben Punkten, Siebenpunkt, ein Glückskäfer. 

Wie alt die Verse sind, weiß man nicht. Man vermutet, dass mit dem Krieg der dreißigjährige Krieg gemeint ist, in dem nicht nur Pommerland (Pommern) abbrannte, sondern viele Länder in Flammen standen. Man sieht aber auch viel frühere Bezüge, in dem das Land „Hollerland“ gemeint sein könnte, das fruchtbar-gesegnete Land der dreieinigen Göttin Frau Holle. Dann wäre der Gott Wodan der Vater, der in den Krieg zieht.

1781 wurde der Maikäfer-Reim mit der Melodie des Wiegenliedes „Schlaf Kindchen schlaf“ (Johann Friedrich Reichhardt) unterlegt. Eine beruhigendes Schlaflied, das allerdings kaum zu einem verstörenden Kriegslied passt. Vor 1881 gibt es bereits ein Bild, auf dem ein Marienkäferchen auf der Hand eines Kindes gelandet ist.

Bei einer Umfrage vor kurzem konnte man erstaunt feststellen, wie bekannt auch heute noch der kleine Reim vom Maikäfer bei jung und alt ist.

Ich habe auch noch eine andere Erinnerung an meine Kindheit. Ich hatte eine kleine Pappschachtel aufgetrieben und hatte diese mit frischem Grün ausgepolstert. Im Deckel hatte ich einige Löcher geschnitten. Hier fand ein Marienkäferchen, Heetzendierchen (Herzentierchen) wie wir es auch nannten, seine Herberge oder vielmehr seinen Kerker. Jedes Kind besaß solche Kästchen, und zeigte sie stolz umher. Doch irgendwie fand ich, dass das Käferchen traurig aussah, einsam, von Gott und der Welt verlassen. So öffnete ich bald den Deckel. Das Glückskäferchen spreizte seine Flügel und erlöst und frei flog es in den blauen Himmel hinein, begleitet von meinem Singen:

Maikäfer flieg
dein Vater ist im Krieg,
deine Mutter ist im Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer flieg  




Freitag, 11. Mai 2018

Die drei Eisheiligen und die kalte Sophie


von Sophie Lange
Wie jeden Freitagabend sitzt ein Dutzend Heilige am Stammtisch in der himmlischen Spelunke „Zur kalten Sophie“. Drei sitzen besonders eng beisammen. „Wir drei sind die bekanntesten Wetterheiligen auf Erden“, brüstet sich einer von ihnen.
„Kein Mensch kennt Mamertus, Pankratius und Servatius,“ korrigiert der heilige Bimbam.
„Die Namen vielleicht nicht“, sagt Nummer zwei von den Drei, „aber die drei Eisheiligen kennt jeder.“ Und der dritte setzt noch eins drauf: „Wir waren heute sogar in der Tagesschau. 'Die Eisheiligen sind unterwegs'; hat der Wetterfrosch verkündet, und es wurde mit der Bauernregel gewarnt:
Ehe die Eisheiligen nicht vorbei,
ist nicht sicher vor Kälte der Mai.“

„Wenn der euch hier sitzen sähe! Von wegen „unterwegs“, brummelt der Heilige Strohsack. 
Jetzt mischt sich ein blond gelockter Pappenheimer ein: „Ihr seid vielleicht bekannt auf Mutter Erde, aber beliebt seid ihr nicht. Da freuen sich die Menschen auf den Monat Mai und dann kommt ihr frostigen Typen  und macht jede Wonne zunichte.“ Alle nicken zustimmend.
Mamertus, Pankratius, Servatius
bringen oft Kälte und Verdruss.

„Ab mit Euch, sonst bringt ihr die ganze Wettervorhersage durcheinander“, mahnt jetzt Sophie, die Mutter aller Stammtische. Mürrisch stehen die drei heiligen Gesellen auf und ab geht’s zur Erde. Sie werden es den Menschen schon zeigen: Eis, Schnee, Nachtfrost; alles für einen Kälteeinbruch haben die strengen Herren für ihre Namenstage am 11., 12. und 13. Mai im Gepäck, bzw. im Rucksack. Sie werden ihren Namen alle Ehre machen: Kalte Tage, frostige Nächte, Blitzeis, Schneegestöber.
„Danach bist du dran, liebe kalte Sophie“, erinnert der Heilige Hallodri und deklariert: 
Sophie man die Kalte nennt,
weil sie gern kalt Wetter bringt.

Sophie trägt ihren Spitznamen mit Würde. Sie ist wohl die bekannteste weibliche Heilige auf Erden, denn Gärtner und Floristen beachten ihren Namenstag am 15. Mai. Sie warnen Kunden, vorher keine Balkonpflanzen raus zu stellen und im Garten mit allem zu warten, was frostempfindlich ist.
Ein komischer Heilige am runden Tisch weiß es ganz genau:  
Vor Nachtfrost du nicht sicher bist,
bis Sophie vorüber ist. 

Du heiliges Kanonenrohr! Hoffentlich ist danach wirklich Schluss mit den Eisheiligen und der kalten Sophie, mit Bibbern und Zittern, mit Jammern und Klagen. Dann können die Heiligen in der Spelunke „Zur kalten Sophie“ endlich wieder am Stammtisch ungestört klönen. Und auf Erden singen die Menschen voller Wonne:

Nur einmal blüht im Jahr der Mai

Es streuet Blüten jedes Jahr
Der Lenz auf allen Wegen,
Bringt Rosen dir zur Gabe dar
Und liebereichen Segen.
Da lass die Sorgen all' vorbei
Und schütze die zarten Triebe!
Nur einmal blüht im Jahr der Mai,
Nur einmal im Leben die Liebe.
Nur einmal blüht im Jahr der Mai,
Nur einmal im Leben die Liebe.


Bald ist der zarte Duft verhaucht,
Die roten Rosen sterben,
Du siehst, was sonst in Glück getaucht,
Nach kurzem Traum verderben.
Dann ist's, als ob ins Herz die Reu
Mit brennenden Lettern schriebe:
Nur einmal blüht im Jahr der Mai,
Nur einmal im Leben die Liebe.
Nur einmal blüht im Jahr der Mai,
Nur einmal im Leben die Liebe.

Und ist dereinst dein Haar erbleicht,
So wirst du oftmals klagen
Um einen süßen Traum vielleicht
Aus fernen Jugend Tagen.
Wohl hast du damals froh und frei gedacht,
Dass es stets so bliebe.
Doch: Nur einmal blüht im Jahr der Mai,
Nur einmal im Leben die Liebe.
Nur einmal blüht im Jahr der Mai,
Nur einmal im Leben die Liebe.











Freitag, 4. Mai 2018

Selbstgespräche


von Sophie Lange

Selbstgespräche bringen Ordnung ins Gedankenchaos, sagen die Lebensberater. 

„Womit fange ich denn jetzt an?“ Das kann der Beginn eines Selbstgesprächs sein. Solche Gespräche mit sich selbst wirken auf andere zunächst einmal befremdlich. Doch sie sind durchaus sinnvoll, denn sie können die Gedanken ordnen, helfen Entscheidungen zu treffen und Befindlichkeiten zu reflektieren. Auch kann man sich selbst kontrollieren. Bevor Leonhard das Haus verlässt, klopft er seine Hose ab, ob er auch alles dabei hat. Dabei proklamiert er laut: „Schlüssel, Portemonnaie, Botz zu (Hose zu).“

Selbstgespräche stärken das Selbstbewusstsein. Eine Feststellung von einem, der es wissen muss.

Natürlich nur die positiven Gedanken. Also sich selbst tüchtig loben. Bärbchen ist darin geübt. „Ich bin eine tolle Frau“, sagt sie zu sich selbst. „Und was ich alles bewältigt habe in einem langen Leben.“ Und sie zählt auf: den Ehemann erzogen und zurecht gebogen; Kinder großgezogen und durch diverse Schule geschleust, einen Haushalt gemanagt und Tag für Tag die ganze Familie satt gemacht. Da kann sie stolz drauf sein!

 Selbstgespräche fördern die Kreativität. Ist irgendwie logisch.

Die Badewannen in den Wohnungen sind meist den Duschen gewichen. Nichts gegen Wasser sparende Duschen, aber in der Badewanne konnte man besser mit sich selbst reden und laut überlegen, wie der Krimi weitergehen soll, falls man denn einen solchen schreibt. Oder über neue Themen für die Seniorenstories grübeln. Unter der Dusche wird doch jede Idee gleich weggespült.

Selbstgespräche lassen Blumen erblühen.

Prinz Charles aus Großbritannien wird ganz offiziell „der Prinz, der mit den Blumen spricht“, tituliert. Nicht nur er, sondern mancher Blumenliebhaber hat erfahren: Sprich mit Deinen Pflanzen und sie danken es dir. „Mein lieber Gummibaum, warum lässt du denn heute deine Flutschen hängen? Geht es dir nicht gut? Willst du ein Glas Wasser?“ Allein durch die gezeigte Empathie fühlt die Pflanze sich besser und richtet ihre Blätter auf.

Selbstgespräche und stumme Zuhörer

Dass Tiere gute Zuhörer sein können, weiß jeder Hundebesitzer. Katzen dagegen kann man was vom Pferd erzählen, das kümmert sie überhaupt nicht. Beim Thema „Gespräch mit Tieren“ fällt mir die „Madame“ ein, die in einer Ballade von Adamo mit den Spatzen spricht und mit einem kleinen Fisch plaudert. Fische im Aquarium sind wohl die besten Lauscher. Stumm wie ein Fisch lassen sie alles über sich ergehen. Geben keine einzige Widerrede.

Kritische Selbstgespräche

„Man führt nicht mehr genug Selbstgespräche heutzutage. Man hat wohl Angst, sich selbst die Meinung zu sagen.“ Ein Ausspruch des Diplomaten und Schriftstellers Jean Giraudoux, der zum kritischen Selbstgespräch einlädt. Es ist bestimmt besser, mit sich selbst ins Gericht zu gehen, als sich von anderen die Meinung geigen zu lassen. Aber dann schnell wieder zum positiven Selbstgespräch zurückkehren.

Freitag, 27. April 2018

Raue Sitten in der Maiennacht


von Sophie Lange

Wir wollen ungefähr 100 Jahre zurückschauen, genau in das Jahr 1923. Dieses Jahr habe ich für meine Geschichte ausgewählt, weil da die Maiennacht eine Vollmondnacht war, wie jetzt 2018, wo der Mond ebenfalls in der Nacht vom 30. April auf den 01. Mai seine volle Schönheit zeigt. Vollmond in der Walpurgisnacht,  zwei magische Momente treffen aufeinander.

Heimlich schleichen sich Maria und Anna, die 15jährigen Zwillinge, aus dem Haus. Der Mond steht rund und voll am Himmel und wirft sein fahles Licht in die engen Gassen des kleinen Eifeldorfs, streift an Stallwänden vorbei, nestelt an winzigen Fachwerkhäusern entlang, zittert in dichten Weißdornhecken. Geisterhafte Schatten lassen alles unwirklich erscheinen, verzerrt, geheimnisvoll. Trotz der unheimlichen Stimmung wollen die Mädchen erkunden, was die Burschen in dieser Nacht vom 30. April auf den 1. Mai treiben, in einer Nacht, in der die Mädchen nach alter Sitte brav zu Hause bleiben sollen.

Es herrschten raue Sitten 1923 in der Eifel.

Nach alter Tradition ist es für die männliche Jugend eine Freinacht und so sind geisterhaftes Herumspuken und harmlose Schelmenstreiche erlaubt. Hinter einer Hecke versteckt beobachten die Mädchen die ersten Burschen, sogar ihr jüngerer Bruder ist dabei. Mit Holzblöcken verbarrikadieren sie eine Haustür. Das nächtliche Himmelgestirn spendet ihnen spärliches Licht dazu. Im nächsten Haus hängen sie das Gartentürchen aus, etwas weiter die Fensterläden. In der Ziegenscheune, in der die Dorfziegen nach ihrem Weidegang ihr Nachtlager finden, öffnen sie weit das Scheunentor. „Kommt raus“, locken sie die Tiere. Aber die lassen sich nicht im Schlaf stören. So ziehen die Burschen weiter und lassen das Tor weit offen. Irgendwann werden die Tiere schon den Weg in die Mondnacht finden und dann ist morgen früh großes Suchen angesagt.

Es herrschten raue Sitten 1923 in der Eifel.

Maria und Anna haben genug gesehen von den kindlichen Streichen der Halbwüchsigen. Der Mond zieht sie magisch weiter, führt sie auf den Weg zur Dorfschänke, wo die Mädchenversteigerung stattfindet. Die Junggesellen des Ortes bieten auf die Jungfrauen des Dorfes, mit denen sie dann als Mailehen (von leihen) zum Maitanz gehen dürfen, und diese vielleicht sogar für eine lebenslange Verbindung gewinnen. „Nächstes Jahr mit 16 Jahren sind wir auch dabei“, flüstert Maria ihrer Schwester zu.

Weit sind die Fenster der Gastwirtschaft geöffnet und so können die Horchenden die Angebote des Scholtes verfolgen: „Kathring, kratzbürstig und hoffärtig, kott und neuh (böse und geizig) hat aber wat an de Füß.“

Ein Mädchen, das durch ihre Familien Ackerland besitzt (was an de Föß hat), ist begehrt. Schon kommen die ersten Angebote. Schließlich erhält Andreas für 100 Maimark (= 10 Mark) den Zuspruch. Als Bauernsohn weiß er, wie wichtig Ackerland ist. Da nimmt man friedlose Tage und lieblose Nächte an der Seite einer griesgrämigen Frau gerne in Kauf.

Es herrschten raue Sitten 1923 in der Eifel.

Mit dem 'biblischen Alter' von 75 Jahren ist Ilse an diesem Abend die älteste Jungfrau auf der Liste: „Groß und dürr, altmodisch und rückständig, kann aber gut kochen“, wird sie vorgestellt. Aber keiner bietet auf das Fräulein und schon kommt der Spottruf: „Ilse, Bilse, keiner will se.“ Sie landet symbolisch unter dem Tisch, wo schon andere Unverkäufliche gestrandet sind. Vielleicht erbarmt sich zum Schluss ein betagter Schardeng (Junggeselle), der den ganzen Ramsch großzügig aufkauft, um dann stolz wie Oskar mit mehreren Jüfferchen beim Maiball aufzulaufen. 

Es herrschten raue Sitten 1923 in der Eifel.

Etwas später sind die Burschen auf der Straße. In einer Scheune haben sie Maien hinterlegt, junge Birken, die sie nachmittags aus dem Wald geholt haben. Jede unverheiratete Frau der Dorfgemeinschaft bekommt einen Maien ans Haus gesteckt, damals noch ungeschmückt und ohne bunte Bänder. Doch nicht jeder Maien ist ein Kompliment, denn es gibt auch einen Schandmaien, Ob auch dieses Jahr jemand gerügt wird? Tatsächlich, da ist er, der Schandmai. Ein Zweig von einem wilden Kirschbaum. Heimlich folgen die Mädchen der Burschengruppe. Der Mond züngelt durch die Gassen. Eine Krähe streift die Köpfe der Nachtschwärmer, erschreckt schreien sie auf; ein Hund offenbart jaulend dem hellen Himmelgestirn seine Sehnsüchte.

Da - vor Drückchens (Gertrud) Haus halten die Maijungen an und  stellen den Schandmai vor die Haustüre. „Was hat die denn angestellt?“, fragt Anna erstaunt. Maria hat etwas läuten gehört. Drückchen soll die Maiversteigerung als „Viehmarkt“ diffamiert haben, wo die beste „blöde Kuh“ den höchsten Preis erhält. Die Junggesellen lassen sich ihr Brauchtum nicht mies machen. Ein blattloser Schandmai ist die Reaktion. 

Es herrschten raue Sitten 1923 in der Eifel.

Maria und Anna beschließen nach Hause zu gehen. Die Vollmondnacht wird immer unheimlicher, stiller, feiertagsstill. Nur ein geheimes Raunen liegt in der Luft. Sind die Hexen unterwegs? Immerhin gilt die Walpurgisnacht auch als Hexennacht. Die Mädchen atmen auf, als sie wieder sicher zu Hause sind und in ihre Betten kriechen können. 

Noch immer gibt es manches Brauchtum in der Eifel in der Maiennacht: Versteigerungen, Maien stecken, Aufstellen eines Maibaums auf dem Dorfplatz. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich indes einiges geändert, entschärft, modernisiert. Nur der Mond ist noch immer derselbe.


Freitag, 20. April 2018

Die Tattsch-Kautsch (???)


von Sophie Lange

Ich weiß, liebe Leser und Leserinnen, die Überschrift ist falsch geschrieben. Der Ausdruck ist ja Englisch und richtig ist: touch-couch. Wörtlich übersetzt heißt es „Berühr-Liegesofa“. Hierzulande spricht man das Wort jedoch nicht englisch sondern lautsprachlich hart und breit und mit Doppel-T aus: Tattsch-Kautsch. Was für ein knackiges Wort! Doch nun von Anfang an, die Geschichte von der Tattsch-Kautsch.

„Du brauchst eine neue Couch“, sagten meine beiden Töchter eines Tages. Ich fand mein altes Möbelstück zwar noch ganz passabel, aber wenn meine Töchter das sagten, musste es wohl stimmen. Nun ist Einkaufen nicht gerade meine Leidenschaft, aber meine Töchter beruhigten mich. Sie würden das übernehmen. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern, nur bezahlen. So wurde das alte Stück eines Tages vermessen und dann machten die beiden sich auf den Weg zum Möbelzentrum. Zweieinhalb Stunden haben sie gebraucht, bis sie die ideale Couch gefunden hatten, erzählten sie abends. „Dafür ist es aber auch etwas ganz Besonderes“, versprachen sie. Eine Überraschung! Ich war gespannt wie ein Flitzebogen.

Zwei Wochen später rief das Möbelgeschäft an. „Ihre Wohnlandschaft ist lieferbar“, säuselte eine geschulte Frauenstimme. Wohnlandschaft? War nicht von einer Couch die Rede gewesen, von einem einfachen Sofa? Doch zum Überlegen kam ich nicht. Denn schon nannte die Dame am Telefon  einen Liefertermin: Donnerstag, acht Uhr. „Nachts?“ fragte ich zweifelnd; denn morgens um acht ist für mich mitten in der Nacht.
„Morgens natürlich!“ kam die schnippische Antwort. Ich sah praktisch durchs Telefon, wie die junge Dame die Augen verdrehte. Immer diese umständlichen alten Leute! Doch dann bemühte sie sich wieder um professionelle Höflichkeit: „Geht das für Sie in Ordnung?“ fragte sie mit Schmalz in der Stimme.
„Ja natürlich!“ zickte ich sch... freundlich. Dann beiderseits ein „Dankeschön“ und Schluss mit lustig.

Die Firma war pünktlich. Muss man ihnen lassen. Zwei Kerle, einer ganz jung, der andere gutes Mittelalter, kräftig wie Baumstämme standen Punkt acht Uhr vor der Tür, stellten sich und die Firma vor. „Wir bringen die Couch.“ Dann ein Blick auf den Lieferblock. „Wir sollen die Alte mitnehmen!“
„Die alte Couch“, stellte ich vorsichtshalber klar, damit da bloß keine Verwechslung vorkam. Ich führte die Möbelpacker ins Wohnzimmer. Die beiden zogen wie hundertfach praktiziert je einen Schraubenzieher aus einer der zahlreichen Beuteltaschen ihrer Arbeits-Latzhosen, ruck-zuck war meine traute Abendentspannung in vier Teile zerlegt, ruck-zuck rausgetragen. Wir hatten nicht mal Zeit, uns zu verabschieden. „Tut mir leid!“ flüsterte ich ihr leise hinterher.

Nach einem prüfenden Blick im Flur schoben die beiden Kerle das Schuhregal in eine Ecke, das Schränkchen durch die nächste Tür ins Badezimmer. Noch mal ein prüfender Blick, dann kam auch schon - in eine Plastikfolie eingemummelt - die Neue angeflogen, Farbton so zwischen karmin- und ochsenblutrot. Entspannungs-Farbe pur! Schon stand sie im Wohnzimmer, ein Teppichmesser ratschte die Verhüllung auf, die Couch wurde in die richtige Position geschoben, mittels mehrerer Verlängerungskabel an das Stromnetz angeschlossen, und schon ließen die Möbelpacker sich auf den Zweisitzer plumpsen. 

„Hier in den Seitenspalten sind die vier Sensoren, zwei für das Rückenteil, zwei für das Fußteil“, erklärte der Ältere, der fürs Reden zuständig war. Ein Nicken zu seinem Nachbarn und im Gleichtakt sank das Rückenteil des Zweisitzers nach hinten, weit nach hinten, dann kam es wieder in die Ausgangsposition. Dasselbe jetzt vorne. Beine hoch! Beine runter!
Ich sah, staunte mit offenem Mund. „Alles okay!“ bestätigten die Männer. Der Boss zog die Rechnung hervor, ich hatte bereits die Bankkarte in der Hand, da eine Unterschrift, hier eine Unterschrift, jedem ein Trinkgeld in die Hand gedrückt, Folie zusammengerafft und weg waren sie. Der Spuk hatte kaum eine viertel Stunde gedauert. Ich schickte eine Nachricht an die Familien-App: „Couch ist da. 18 Uhr Probelauf.“ Ich ging wieder ins Bett, meinen geraubten Morgenschlaf nachzuholen. Die Couch konnte sich derweil akklimatisieren.

Und dann kamen sie alle. Meine beiden Töchter hatten sich beim Kauf ausführlich informieren lassen und führten das gute – teure - Stück jetzt fachmännisch vor. „Ganz easy, man kann die Couch in verschiedene Positionen bringen, nur die Touchpunkte in der Seitenspalte berühren; extra leicht für ältere Menschen.“ Es sah wirklich ganz einfach aus, wie sie nach einigem Manövrieren in eine Liegeposition gelangten. „Bequem zum gemütlichen Fernsehgucken!“ wurde mir versichert. Und dann kam ich dran. Ich auf dem einen Sitz, mein Enkel auf dem anderen. Ich fand nach Anweisung die Sensoren in der Spalte, drückte mal irgendwo, aber nichts geschah. „Der andere Knopf“, wurde ich angewiesen. Und jetzt ging es tatsächlich los. Mit einem rasanten Tempo ging das Rückenteil nach hinten, dann senkte sich noch das Kopfstück, ich hing zwischen Himmel und Erde, stierte zur Zimmerdecke und schrie wie am Spieß: „Hilfe! Mama! Hilfe!“ Meine Mutter ist seit über zwanzig Jahren tot, aber ich schreie in lebensbedrohlichen Situationen wie diese immer noch „Mama“. „Loslassen, loslassen“ schrien meine Töchter. Ich folgte brav und tatsächlich stoppte das Ungeheuer. „Nicht drücken, nicht anhalten, nur leicht berühren, tattschen“, wurde mir erklärt. Ich suchte einen anderen Tattschpunkt und kam tatsächlich in Normalposition.

Weiter ging's. Jetzt die vorderen Knöpfe für die Beine. Ich fand auf Anhieb den richtigen Tattscher. Geht doch! Ganz easy! Nun hob sich das Unterteil mit meinen Beinen wie von Geisterhand. Doch dann stand plötzlich der Couchtisch im Wege. Meine Füße darunter hoben ihn hoch, hoch in die Luft. Ich schrie – siehe oben. Meine Töchter schrien – siehe oben, stürzten herbei, brachten den Tisch in Sicherheit. Ich suchte verzweifelt an den Tattschdingern, fuhr rauf, runter, ließ los, tattschte. Endlich fand ich den richtigen Sensor und konnte mit Hildegard Knef singen: Von nun an ging's bergab! Schließlich hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Punktgenaue Landung! Applaus!

Mein Enkel war indessen mehrmals rauf und runter gefahren, sowohl mit dem Rückenteil als mit dem Vorderteil, einzeln oder beide zusammen. Ohne jede Schwierigkeit, ohne jede Art von „Berührungsängsten“. „Cooles  Teil!“ stellte er bewundernd fest. Und nun probierten alle einen Probelauf an der Tattsch-Kautsch, mal mehr, mal weniger gekonnt. Doch alle waren sich einig: Cool! Mir war es allerdings bei meinem Probelauf nicht cool sondern siedend heiß geworden.