Freitag, 29. März 2019

Jeder ist seines Glückes Schmied


von Sophie Lange

In den Seniorengruppen ist das Ergänzen von Sprichwörtern beliebt.  Zuerst kommt die Gruppe allerdings nur langsam in Fahrt: „Aller Anfang ist schwer.“ Aber wenn sie sich einmal warmgelaufen haben, dann läuft es. Die Gruppenleiterin fängt an mit dem Glück. „Glück im Spiel …“ Alle ergänzen im Chor: „Pech in der Liebe.“ Was immer das bedeuten mag.

Martha darf jetzt das nächste Sprichwort beginnen und führt zu: „Glück und Glas wie leicht bricht das.“ Doch Manfred tröstet sie: 'Das Glück ist mit die Doofen.' Wenn dich das Glück meidet, gehörst du also nicht zu „die Doofen.“ Und doch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und hat sein eigenes Leben in der Hand. Viele Sprichwörter sind aus Lebenserfahrung entstanden und zu Lebensweisheiten geworden. Und so geht es weiter. Jeder weiß etwas. Alle sind überrascht, wie viele Sprichwörter sie kennen. Im Durchschnitt sind jedem Erwachsenen 300 Sprüche geläufig, hat man festgestellt. Kinder kommen immerhin auf 100 Stück.

In manchen Familien wurden die Kinder früher regelrecht mit Sprichwörtern erzogen. Immer fleißig sein, mussten die lieben Kleinen: „Ohne Fleiß kein Preis“ „Erst die Arbeit, dann das Spiel!“ „Ohne Arbeit kein Essen.“ Und überhaupt: „Arbeit macht das Leben süß.“ Doch da kommt ein Einwand „Faulheit stärkt die Glieder!“ Ist auch nicht zu verachten. Verpflichtungen soll man sofort erledigen: „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“ Die Fleißigen und Klugen haben nicht immer den meisten Erfolg: „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffel“, weiß man in der Gruppe. Trotzdem werden die Kinder ermahnt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Und auch der Lehrer weiß: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“

„Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, werden die Kleinen zur Sparsamkeit ermahnt. Wie wichtig Ehrlichkeit ist, sagen gleich mehrere Sprichwörter: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er doch die Wahrheit spricht.“ „Lügen haben kurze Beine.“ „Ehrlich währt am längsten.“ Pünktlichkeit wird so erklärt: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlichkeit.“ „Ein bisschen zu spät ist viel zu spät.“ „Besser spät als nie!“ Und „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“

Nicht nur Kinder auch Erwachsene werden durch Sprichwörter zurechtgewiesen. Bescheidenheit ist eine Tugend, die jung und alt beherzigen sollen: „Bescheidenheit ist eine Zier.“ Doch die Erfahrung im harten Lebenskampf hat wohl die allgemein bekannte Ergänzung gebracht „ … doch weiter kommt man ohne ihr.“ Aber immerhin: „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Wer oft über andere tratscht, muss sich sagen lassen: „Ein jeder kehr' vor seiner Tür, es liegt genug Dreck dafür.“ Ordnung ist das halbe Leben: „Halte Ordnung liebe sie, sie erspart dir Zeit und Müh'.“ Das ließe sich jetzt laufend fortsetzen, denn es gibt einige Tausend deutsche Sprichwörter. Der Bonner Dichter und Philologe Karl Simrock (1802-1876) hat einmal gesagt: „Alle Sprichwörter aufzuschreiben ist so wenig möglich, wie die Sterne zu zählen.“

Pünktlich ist die Seniorenstunde zu Ende. „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“ Doch jetzt heißt es nur noch im Chor:

                                               „Ende gut, alles gut!“


Samstag, 23. März 2019

Es zieht!

Von Sophie Lange

Die Senioren hatten sich zum Gesprächskreis eingefunden. Als nun die Gruppenleiterin eintrat, riss sie zuerst einmal das Fenster weit auf, um frische Luft einzulassen. Ein gemeinsamer Schrei: Es zieht.

Manche Menschen reagieren sehr empfindlich auf einen Luftzug, auch zu Hause. Dabei sind heute Wohnungen und Häuser, besonders die neuen, gut isoliert. In den alten Häusern war das anders. Da zog es aus allen Ecken und Kanten. Immer wieder scholl der Ruf durchs Haus: Es zieht! Diese Aussage, eigentlich nur eine einfache Feststellung, sollte aber auch sagen: Stellt diesen Luftzug bitte sofort ab. So wurden Decken auf die Fensterbank gelegt und Türritzen mit Lumpen abgedichtet. Manches Loch wurde mit Zeitungspapier ausgestopft und trotzdem zog es noch immer wie Hechtsuppe. Von einem Durchzug, wenn Türen und Fenster geöffnet sind, wollen wir gar nicht reden. Für manchen eine Katastrophe und der Anfang einer Erkältung.

Unsere Vorfahren aus der Antike hatten da ganz andere Sorgen. Bei den ersten Häusern war zwar ein Loch in der Mauer, aber das hatte mit einem Fenster wenig zu tun. Es diente vorwiegend dazu, sich aus der Wohnstatt hinaus verteidigen zu können. Erst nach Jahrhunderten wusste man ein Fenster auch als Lichtspender und Kälteschutz zu schätzen. Um sich vor Durchzüge zu schützen, mussten Tierhäute, Pergament oder Leinenstoff dienen. Dass es trotzdem zog, ist verständlich. Aber vielleicht waren die Menschen früher auch abgehärteter als wir heute.

Im alten Rom gab es dann bald auch Fensterglas. Dadurch wurden Fenster natürlich etwas wetterfester. Aber bis zur Doppel- und Dreifachverglasung war noch ein weiter Weg.

Gern erinnern sich noch Menschen aus der letzten Vergangenheit an die Fensterläden, die von außen geschlossen wurden. Farbig gestrichen gaben sie nicht nur dem Haus, besonders den Fachwerkhäusern, ein buntes Bild, sondern schützten auch vor der Kälte der Nacht. Diese Holzläden hatten jedoch auch Nachteile: Das Fensterln wurde dadurch umständlich.

Was es mit dieser bayrischen Tradition auf sich hatte, das ist eine andere Geschichte.

Freitag, 15. März 2019

Im Märzen der Bauer

von Sophie Lange

 Annerose hat das Bild noch genau vor Augen. Da stand der Lehrer vor der Klasse, den Taktstock in der Hand. Alle Kinder, das waren in der kleinen Dorfschule alle Klassen, wussten, was jetzt kam: Singen. Und schon donnerte die sonore Lehrerstimme: „Aufstehen!“ Alle sprangen hoch und stellten sich neben ihre Bank. Dann das nächste Kommando: „Grade stehen!“ Strammstehen wie bei den Soldaten. So kann man besser atmen und hat mehr Kraft in der Stimme. Das war zumindest die Meinung des Lehrers. Es war März und da kam nur ein Lied in Frage. Die Großen schmetterten es laut und kräftig, die Kleinen sangen leise und zaghaft mit:

Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt,

er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.

er pflüget den Boden, er egget und sät

und rührt seine Hände früh morgens und spät.

Inzwischen sieht man in den Feldern keinen Bauern mehr mit seinen Rösslein. Selbst in der tiefsten Eifel nicht. Schwere Traktoren ackern durch flurbereinigte großflächige Felder. Kaum noch eine Hecke, kein Strauch steht im Weg. Und kein Vogel weit und breit.  
Annerose ist ein Naturkind. Das sagt sie von sich selbst. Und das bäuerliche Erbe ihrer frühen Vorfahren weckt im März das Verlangen in ihr, irgendetwas zu säen. Jedoch sie hat kein Feld, keine Wiesen, keinen Garten, aber immerhin einen Balkon. Und so hat sie vor Jahren Wildblumensamen in die Kästen eingestreut. Schon bald sprossen kleine Hälmchen aus der Erde. Annerose freute sich auf eine bunte Sommerpracht. Aber was dann kam waren Kratzdisteln, stachelige Pflanzen, immerhin mit winzigen Blüten. Und dann wuchs noch etwas anderes aus dem Wildblumensamen: Kopfsalat. Annerose schwört, dass es genau so war. Knackige Salatköpfe als Wildblumen! Aber im Lauf der nächsten Wochen streckten dann doch einige Blumen ihre Köpfchen aus der Erde: Kornblumen, Klatschmohn, Margeriten, Malven, Glockenblumen, Schlüsselblumen. Aber im Großen und Ganzen war das Ergebnis frustrierend.

Dieses Jahr will Annerose einen neuen Versuch starten. Denn vor Tagen las sie eine Werbung: Balkonkasten – Pflegeleichte Sommerkinder. Eine bunte Wildblumenwiese illustrierte das Angebot. Optimistisch streut sie jetzt zum Frühlingsanfang - am Mittwoch, den 20. März - den Samen aus, dem man ja nicht ansieht, was daraus wächst. Dazu dichtete sie:

Im Märzen die Frauen den Eimer nehmen zur Hand,

sie bringen das Haus und den Garten in Stand.

Sie wischen und wuseln, streuen Blumensamen aus,

später leuchtet's und blüht' s dann rund um das Haus.

Hoffen wir das Beste, liebe Leser.



        


Freitag, 8. März 2019

Schnäppchen mit Folgen


von Sophie Lange

Neulich erzählte ich hier bei den Seniorenstories unter der Überschrift „Einkauf mit Hindernissen“, dass ich jede Menge Katzen- und Hundefutter gekauft hatte, obwohl wir weder das eine noch das andere Haustier besitzen. Aber das war ein Sonderangebot und sooo billig. Bei so einem Schnäppchen muss man doch zugreifen, dachte ich. Aber diese Aktion hat mir im Nachhinein viel Ärger bereitet. Keiner in der Familie hatte Verständnis für meinen skurrilen Spargedanken. Und überall standen die Kartons mit dem Dosenfutter im Weg.

„Schaff das Zeug raus“, lamentierte mein Mann genervt. Aber wohin damit! Irgendwann ein Geistesblitz: Um das Nachbarhaus strich doch immer eine Katze. Etwas später klingelte ich dort, mit einem Karton Katzenfutter in den Händen. Ich erzählte mein Missgeschick und bot das Futter an – für umsonst. Ganz für umsonst! „Das ist nicht unsere Katze“ reagierte die Frau von nebenan unwirsch. „Wenn ich die jetzt füttere, will die sich hier täglich satt fressen. Nee danke.“ Mit einem Knall schlug sie die Türe zu.
Mir kam eine neue Idee. Ich würde im Garten täglich eine Mahlzeit für herumstreunende Katzen und andere Viecher bereitstellen. Doch dieser Vorschlag fand kein Verständnis bei meinen Lieben. „Dann lass uns doch gleich eine Katze anschaffen“, meinte unser Tochter. Anschaffen! Und fügte noch hinzu: „Kätzchen sind ja sooo süß.“ Doch da sprang unser Sohn dazwischen. „Süüüß!? Wir füttern im Winter die Vögel, damit der Stubentiger sie im Frühjahr auffrisst.“ Und mein Mann unterstützte ihn: „Ins Haus kommt mir keine Katze, überall diese Katzenhaare. Und draußen im Garten hat sich bald eine ganze Horde angesiedelt. Nee, nee, bloß keine Katze!“


Ich witterte Morgenluft. „Dann lieber einen Hund“, schlug ich vor. „Und wer soll täglich mit der stets kläffenden Bestie Gassi gehen?“, fragte der Hausherr und warf einen strengen Blick in die Runde. Wie aus einem Mund kam die Antwort: „Ich hab' keine Zeit.“ Also Hund war auch gestrichen.

Ich machte mich wieder auf zur Nachbarschaft. An einem herrschaftlichen Haus klingelte ich. Die hatten bestimmt eine Katze. Und tatsächlich. Eine auf jung getrimmte Dame in einem legeren lila Hausanzug öffnete. Im Arm ein geschecktes Schmusekätzchen. „Süüüß!“, sagte ich und wollte das Fellknäuel streicheln. Die Süße hielt jedoch nichts von Liebkosungen von Fremden, fuhr die niedlichen Krallen aus und knurrte angriffslustig. So ein kleines Biest! Erschrocken wich ich zurück und trug mein Angebot vor: „Katzenfutter, für umsonst. Ganz für umsonst!“ Die 'gnädige Frau' geruhte einen Blick auf eine Dose zu werfen. „So 'nen billigen Fraß mag mein Isabellchen nicht,“ schnatterte sie hoheitsvoll. Und Isabella, die Schöne aller Schönsten, bestätigte ihr Frauchen mit einem piepsenden “Miau!“ Zum zweiten Mal an diesem Tag knallte vor meiner Nase eine Tür zu.

Mit einem Karton Hundefutter sprach ich nun im Park Leute an, die ihren Hund Gassi führten. Doch alle schauten mich voller Argwohn an. Ein älterer Spaziergänger, an der Leine eine struppige Töle, blaffte mich an: „Das ist wohl geklaut!?“ Der Hund, Rasse Hinterhofkreuzung, unterstützte sein Herrchen und bellte mich wütend an. Ein vorwurfsvoller Hundeblick traf mich. Ich machte, dass ich nach Hause kam.

Dort erwartete mich eine Überraschung. Gemeinsam mit unserem Sohnemann lud der Herr des Hauses die ungeliebten Sonderangebote ins Auto. „Ich habe in einem Tierheim angerufen, in dem herrenlose Tiere Asyl finden,“ erklärte der Filius mit stolz gewölbter Brust. „Dort freut man sich über eine Spende.“ Wieso war nicht mir diese Lösung des Problems eingefallen? Mit Kawumm warf ich die verweigerte Ration Hundefutter ins Auto. 

Nun war die Sache ausgestanden. Doch wenn ich jetzt einkaufen fahre, kommt von der Familie im Chor die bange Bitte: „Mach bloß einen weiten Bogen um Schnäppchen jeder Art.“ „Mach' ich,“ verspreche ich und grunze leise vor mich hin … „wenn's auch schwer fällt.“




Donnerstag, 28. Februar 2019

Junge und alte Möhnen

von Sophie Lange

In aller Frühe des Altweibertages treffen sich einige junge Frauen bei Trude. Diese hat einen Schatz zu Hause, eine Eichentruhe mit lauter Klamotten aus Urgroßmutters Zeiten. Diese sind an diesem Tag genau richtig für das närrische Möhnetreffen (Altweibertreffen). Hier wird nun emsig gestöbert und mit übermütigem Gekicher die ersten Sachen anprobiert. Die langen schwarzen Kleider der Ahnin. -aus handgewebten schafwollenen Stoffen - sind viel zu groß und zu weit. Da wird noch genäht und mit Sicherheitsnadeln hantiert, bis alles halbwegs passt.
Für den Straßenkarneval ist der warme Lodenmantel unverzichtbar. Diesen dunklen Wintermantel nannte man früher Altfrauenmantel oder Möhnemantel. Darüber wird ein großes viereckiges, oft buntes Schultertuch umgeschlagen, das weit in den Rücken fällt. Das Prachtstück der Verkleidung ist jedoch die Kopfbedeckung, weiße haubenartige Mützen mit mannigfaltigen Verzierungen. In einem Karton hat die Ahnin die verschiedensten Arten und Formen gesammelt. Das Aufsetzen löst nun regelrechten Enthusiasmus aus. Die jungen Frauen haben sich endgültig in alte Möhnen verwandelt und stürmen nun hinaus ins närrische Treiben. Unter den vielen bunten Kostümen fallen sie auf in ihrer originalen dunklen Möhnen-Tracht.  Aber der Spaß ist bei allen gleich groß.

Wie alt ist der Altweibertag? Darüber haben manche Volkskundler sich Gedanken gemacht. Einige sehen darin sogar keltische Wurzeln. Nachweislich haben schon die römischen Frauen zum Ausklang des Winters zügellose Frühlingsfeste „in geschlossenen Räumen unter striktem Ausschluss der Männer“ gefeiert. Hier sieht man sogar noch Überbleibsel von den heidnischen Schutzgöttinnen und fragt sich: „Waren vielleicht die ubischen Matronen, die einheimischen Göttinnen der Römerzeit, die Urmütter der Fasenacht?“ (Renate Matthaei: Matronen, heilige Jungfrauen und wilde Weiber, 2001) Weihesteine mit Frauenversammlungen deuten auf Zusammenhänge.  


Foto Sophie Lange

Die heidnischen Frühlingsfeste wurden seit dem 10. Jahrhundert als Fastnacht in das Kirchenjahr eingegliedert, immerhin findet Karneval 40 Tage vor Ostern statt und fordert zum Fasten auf. Selbst im Mittelalter blieb die Fastnacht erhalten, mal mehr, mal weniger. Der Straßenkarneval setzte sich durch. Häufig wurde „die verkehrte Welt“ von Verboten bedrängt. Aber wie wir dieses Jahr wieder feststellen können, hat sie überlebt.
Die gallo-römischen Matronen-Göttinnen als Urmütter des Altweibertages? Das ist zu schön, um wahr zu sein. Und so kommt auch energischer Protest: „Tatsache ist, dass es sich um einen spätmittelalterlichen Brauch handelt, der absolut nichts mit uraltem weiberbündischem Kult zu tun hat... (Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr, 2006)



 Diese Möhne verkauft auf der Kö Krawatten zugunsten der Armenküche. (gemeint ist wahrscheinlich die „Tafel“), Foto gemeinfrei

Freitag, 22. Februar 2019

Einkauf mit Hindernissen


von Sophie Lange
Neulich beim Schwimmen fiel mir ein: „Ich habe kein Waschpulver mehr zu Hause und körbeweise Wäsche.“ Da bin ich nachher noch zum Supermarkt gefahren, habe mir einen Einkaufswagen geschnappt - vielleicht fällt mir noch etwas anderes ein - und rein ins Vergnügen. Zuerst mal das Waschpulver. Meine Marke war zu einer hohen Pyramide aufgestapelt. Ich ziehe das nächstbeste Paket raus und mit einem riesigen Krach fällt das ganze Kunstwerk zusammen. Das war eine Aufregung! Ich bin mit flotten Schritten weitergegangen, als ob ich nichts damit zu tun hätte. Zur Tarnung habe ich schnell einige Kleinigkeiten gekauft, Marmelade und Nutella, Joghurt und Quark, Wurst und Käse.
Und was für tolle Sonderangebote es gab: Schlafanzüge und Bettwäsche, Tasche und Mappen, Hunde- und Katzenfutter. Das Tierfutter war besonders günstig und ich legte gleich mehrere Kartons davon in den Einkaufswagen. Dabei haben wir weder Hund noch Katze. Aber so billig! Da muss man doch zugreifen! Zwei Angestellte waren noch immer mit einem neuen Pyramidenbau beschäftigt. Schielten sie nicht zu mir? Wenn ich jetzt verdächtigt wurde, wurde ich bestimmt verhaftet. Ab zur Kasse! Unterwegs griff ich noch nach „Bückwaren“, günstige Restposten, die sich auf dem untersten Regalbrett versteckt halten.
Es war nur eine Kasse auf: Die Kasse 2. Ich stellte mich in der langen Warteschlange an. Das ging so langsam vorwärts. Aus Langeweile habe ich dann alles in den Wagen geworfen, was so in der Nähe stand. Süßigkeiten und so'n Zeug. Plötzlich rief die Kassiererin: „Sie können schon an Kasse 1 auflegen!“ Was sollte ich denn jetzt machen? Stehenbleiben, rüber gehen? Ich habe überlegt und überlegt. Doch die Leute hinter mir waren entschlussfreudiger und standen längst an Kasse 1. Mit einem Hechtsprung stürmte ich jetzt rüber an die Kasse 1. Natürlich stand ich jetzt ganz weit hinten. Mann, war ich sauer.
Doch da sah ich, dass die Leute vor mir alle den Wagen pickpacke voll geladen hatten. Wocheneinkauf! Und an Kasse 2 ging das auf einmal ganz schnell. Ich wieder hin und her überlegt. Was sollte ich denn jetzt machen? Doch dann - kurzentschlossen - hastete ich wieder zurück zur Kasse 2. Und dann kam auch die junge Frau für Kasse 1. Die sah so gut gelaunt aus. „Einen guten Tag zusammen“, sagte sie fröhlich und schon ging es im Eiltempo los: zack, zack, zack. Nun tat es mir leid, dass ich wieder gewechselt hatte. Was sollte ich denn jetzt machen?  Nee, jetzt musste ich auch an Kasse 2 bleiben. Langsam aber sicher ging es weiter. Nach einer gefühlten halben Stunde war ich schon fast an dem Fließband, da sagte die Kassiererin: „Legen Sie bitte nicht mehr auf, die Kasse wird geschlossen.“ Jetzt musste ich wieder zurück zu Kasse 1. Wie schon Gewohnheit musste ich mich hinten anstellen. Mann, war ich sauer!
Nach einer weiteren halben Stunde – gefühlte – konnte ich tatsächlich meine Sachen auf das Band legen. Plötzlich kommt von hinten so ein Machotyp und sagt ruppig: „Können Sie mich vorlassen?“ Ich wollte ja eigentlich nicht, aber der drängte sich einfach vorbei und sagte: „Ich habe doch nur zwei Teile.“ Das war eine Flasche Orangensaft und ein Becher Schokoladenpudding. Da konnte ich nun nix machen. Ich blieb dem Typ aber hart auf den Fersen, damit sich nicht noch einer vordrängte. Als der Macho an der Reihe kam, tippte die Kassiererin den Betrag ein. Der Typ wollte wohl nach seinem Portemonnaie greifen, griff gleichzeitig nach seinen Einkaufssachen, griff daneben – wie auch immer – auf jeden Fall, fielen Flasche und Pudding mit einem lauten Knall zu Boden. Beides platzte auf. Das war ein Matsch. Der klebrige Saft und der dunkelbraune Pudding – das sah aus wie hingesch...., ihr wisst schon. Mir ist auf jeden Fall für alle Zeiten die Lust auf Schokopudding aus dem Supermarkt vergangen.
Die Frau an der Kasse war jetzt gar nicht mehr so gut gelaunt, „Jetzt kann ich den Dress auch noch putzen“, schimpfte sie auf dem Weg, Putzeimer und Putzlappen zu holen. Der junge Typ drehte sich zu mir und sagte ganz dreist: „Sie sind das schuld. Sie haben mich gestupst.“ Da kam gerade die Kassiererin mit ihren Putzsachen und rief dem Typen zu: „Junger Mann, ich hab das schon eingetippt, Sie müssen das bezahlen.“ Der blieb gelassen: „Nee, die Frau bezahlt, die hat mich gestupst.“ Jetzt konnte ich hundert Mal rufen: „Das stimmt nicht.“ Der Typ ging einfach lachend raus. Mann, war ich sauer.

Doch endlich kamen auch meine Sachen dran. Zack, zack, zack! Ich konnte gar nicht alles so schnell in den Wagen packen. „52,95“ war schließlich die Endsumme, inklusive Saft und Matsch-Pudding. Ich griff aus dem Portemonnaie einen 50 Euroschein, wollte noch Kleingeld rausholen, aber – oh heiliges Kanonenrohr – da waren nur ein paar Cent. „Ich habe zu wenig Geld“, sagte ich entschuldigend, wobei mir vor Verlegenheit die Röte ins Gesicht stieg. „Auch das noch“, schimpfte die Hüterin der Finanzen „dann muss ich etwas wegnehmen,“ schnappte sich das Waschpulver, ließ es in dunkle Tiefen verschwinden und gab mir mit einem „Einen schönen Tag noch“ 5 Cent zurück. Schon war sie bei dem nächsten Kunden. Und ich nix wie raus, eilte zum Auto, belud den Kofferraum. Mann, was hatte ich alles gekauft. Nur Waschpulver hatte ich noch immer nicht. 

Einen schönen Tag noch.






Freitag, 15. Februar 2019

Das verräterische Brötchen

von Anne Pöttgen

Das Telefon. Margret greift zum Hörer und meldet sich: „Ja …“
„Hallo Margret, guten Morgen, geht es dir nicht gut?“ Die mitfühlende Stimme von Johanna.
„Guten Morgen, Johanna, mir geht’s gut, warum fragst du?“
„Susanne rief mich gerade an und meinte …“
„Ja, was?“
„Sie hatte Angst, es könnte dir nicht gut gehen – sie war auf unserer Etage unterwegs und hat gesehen …“
„Was?“
„Dein Brötchen liegt noch vor deiner Tür.“
„Ja, stimmt, muss ich gleich reinholen. Danke der Nachfrage und danke für den Hinweis.“
„Kannst du nicht eben Susanne anrufen und ihr sagen, dass alles in Ordnung ist. Dann muss ich das nicht tun.“
„In Ordnung, mach ich – wenn ich das Brötchen reingeholt habe. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, mir ginge es nicht gut, nur weil das Brötchen …“
Margret will nicht nur das Brötchen reinholen, sie fährt auch runter zum Briefkasten, um die Zeitung rauf zu holen, notwendige Zutat zum Brötchenfrühstück. Neben ihr steht Frau Müller, betrachtet sie und sagt: „Haben Sie sich wieder erholt? Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“
„Sorgen?“
„Ja, Frau Meier meinte, Sie holten Ihr Brötchen sonst schon um halb neun rein und heute …“
Margret ahnte, dass das halbe Haus wissen würde, dass sie erst um halb zehn aufgestanden war. Denn Frau Müller war ebenso wie Frau Meier dafür bekannt, dass sie Neuigkeiten im Blitztempo verbreiten konnte. Die Frage nach ihrem Wohlergehen war nur vorgeschoben, um anschließend anzudeuten, man selbst stehe ja schon um halb acht auf. Da musste sie gegensteuern.
„Ich hatte doch leider wieder so einen scheußlichen Migräneanfall. Aber das ist doch nicht der Rede wert. Wenn ich erst einmal Kaffee getrunken und mein Brötchen gegessen habe …“
„Migräne? Ach, das kenne ich auch. Linksseitig oder rechtsseitig?“
Gott sei Dank musste Margret nicht antworten, denn Frau Müller fand es anscheinend großartig, mal wieder über ihre Migräne berichten zu können. Margret trat von einem Fuß auf den andern, musste aber Anteilnahme zeigen, um nicht weiteren Stoff für üble Nachrede zu liefern. Endlich der rettende Gedanke: „Ach, Frau Müller, entschuldigen Sie meine Eile, aber mein Tee …“ Oh, je, sie hatte Tee gesagt, dabei war doch von Kaffee die Rede gewesen.
„Tee? Sie trinken Tee bei Migräne? Ganz falsch!“ Anscheinend hatte Frau Müller nicht mitgekriegt, dass Margret eben selbst von Kaffee gesprochen hatte, denn sie wusste ja, dass bei Migräne nur Kaffee half. Aber wenn sie keine Migräne hatte, wie heute, dann trank sie Tee. Nun also ein Einschub über Migräne und Kaffee, gefühlt eine halbe Stunde. Währenddessen überprüfte Margret in Gedanken ihr Aussehen: Haare gekämmt, die guten Hausschuhe an den Füßen, war da noch der Sahnefleck auf dem Oberteil?
„Danke, liebe Frau Müller, für den Hinweis, aber jetzt muss ich wirklich, es zieht hier unten so schrecklich.“ Frau Müllers Blick streifte über Margrets Gestalt. „Ach, ja, Sie sind noch im Hausanzug.“ Pause. „Ich für mein Teil lege Wert darauf, mich erst einmal fertig zu machen, ehe ich aus der Tür gehe. Aber nichts für ungut – jeder wie er möchte. Margret schwante, dass Frau Müller sie bei Frau Meier fertigmachen würde …

Im Aufzug ärgerte sie sich über sich selbst, dass es ihr nicht gleichgültig war, was andere über ihre Schlafgewohnheiten tratschten. Ich bin immerhin achtzig plus, wohne in einer Seniorenanlage, um es bequem zu haben, gehe gern spät ins Bett, lese ebenso gern noch ein Weilchen, da kann es doch mal spät werden – schließlich kann ich morgens ausschlafen. Im Takt schlug sie mit ihrer Zeitung gegen die Wand des Aufzugs. Der schwieg zustimmend.
 In ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, griff sich Margret die Brötchentüte, die immer noch vor ihrer Wohnungstür ausharrte und fragte sich natürlich, wer noch alles im Vorbeigehen von ihren Schlafgewohnheiten Kenntnis erhalten hatte. „Es gibt Schlimmeres,“ dachte sie dann noch, ehe sie sich über Brötchen, nochmal frisch gebrühten Tee und Zeitung her machte, um den Tag wie üblich zu beginnen.

Am Mittagstisch, Punkt zwölf Uhr, schien ihre Tischnachbarin, Frau Eberle, mit sich zu ringen, ob sie über den üblichen Gruß hinaus noch etwas sagen sollte. Das endete so: “Sie machen ja Sachen.“
„Sachen, wie denn, was denn?“, fragte Margret ohne Arg.
„Ich habe mir Sorgen gemacht, ich habe gehört, dass sich die ambulante Pflege um sie kümmern musste. Haben die Ihnen denn helfen können?“
„Ambulante Pflege? Mir helfen können? Nö.“
„Nein, nicht? So schlimm? Sie sehen aber gar nicht so krank aus.“
„Ich bin auch nicht krank, mir muss niemand helfen, und von der ambulanten Pflege habe ich niemanden gesehen. Gerüchteküche.“
„Ach?!?“
„Guten Appetit, Frau Eberle.“
„Guten Appetit.“ Ein bisschen kurz, fast schon gekränkt. Um eine Sensation ärmer.

Zum Kaffeetrinken am Nachmittag kommt Margret zu spät. Acht Augen starren ihr entgegen. Aus vier Mündern:
 „Wie geht’s dir denn, du Arme?“
„Siehst aber schon besser aus.“
„Was hatte dich denn erwischt?“
„Warum hast du denn Susanne nicht angerufen? Ich hatte dich doch darum gebeten! Sie hat sich bis eben Sorgen gemacht!“ Johanna sah ein klein wenig erbost aus, strich sich energisch die weißen Haare nach hinten.
Margret ließ sich auf dem letzten freien Platz nieder. „Mir geht es blendend, ich danke euch für eure Anteilnahme. Ab morgen wird alles anders."
 Ich bestell das Brötchen wieder ab, dachte sie.